Billard mit Böck

Eine Analyse des Postulats

Am 07.02.2013 habe ich einen Brief in meinem Postkasten gefunden:

Leider war ich gezwungen dieses Foto des Briefes hochzuladen, da mir der Brief abhanden gekommen ist.

Der Brief hat mich nachdenklich gestimmt. Ist die SPD Fraktion jetzt unter die jungen Wilden gegangen? Erfreut man sich dem Geheimnis des Jungbrunnens? Und: Was hat die Vita Christoph Böcks mit all dem zutun?

Nein, liebe SPD, noch sind wir nicht per Du.

Auch wenn der Brief den Eindruck bewirkt, dass man hier sehr auf die jugendliche Sprache Wert gelegt hat („damit auch für junge Leute abends etwas los ist in Unterschleißheim“), fühle ich mich nicht heimisch. Jetzt kann das entweder die Ursache haben, dass ich heillos im Anachronismus gefangen bin oder der Brief stilistisch völlig misslungen ist. Die misslungene Alliteration „Billard mit Böck“ hilft da kaum, jemand zum Kommen zu bewegen. Die Facebook-Veranstaltung (erstellt am 5. Februar) hat zum Zeitpunkt des 10. Februars vier Gäste (inklusive Christoph Böck). Auch wenn man hier anführen mag, dass die Größe der Veranstaltung optimal für eine Billard-Runde wäre, lässt mich der Gedanke nicht los, dass man sich mehr Zulauf erhofft hätte. Hastig „gendert“ man, die „ErstwählerInnen“ sind eingeladen, und für den, der es jetzt noch nicht verstanden hat: „Und Billard ist nicht nur was für Jungs!“. Mit solch gewagten, jugendlichen, vor Esprit sprühenden Formulierungen gewinnt man die Jugend für die Politik.

Da erscheint es kaum fraglich, dass die Unterzeichnenden mich kurzerhand duzen. Scheinbar sind wir schon Brieffreunde geworden, eben Kumpels – Genossen. Obwohl ich als Erstwähler erwachsen bin und die volle demokratische Verantwortung genieße, scheine ich in den Augen der SPD immer noch ein Kind geblieben zu sein. Um meine Aufmerksamkeit überhaupt zu erregen und endgültig klar zu machen, dass ich es hier mit jungen, hippen Typen zu tun habe und mit keinen anzugtragenden, grauen alten Säcken fügen die Unterzeichnenden ihr Alter hinzu. Schön, dass mir ihr Alter mehr sagt als ihre Namen.

Gut, Herr Böck: Hier sind Sie verheiratet, hier ziehen Sie ihre Kinder auf, hier arbeiten Sie – wieso sind ihre Inhalte nicht hier?

Der Brief legt besonders viel Wert auf die Vita Herrn Böcks. Hier hat er sein Gymnasium absolviert, hier hat er Zivildienst gemacht, hier hat er seine Frau Petra kennengelernt, die Kinder ziehen die beiden auch hier auf und wie kann es anders sein: Er mag Fußball, er „lebt“ ihn. Der Gehalt dieses Paragraphen ist abgesehen von folgenden Herr Böck offensichtlich charakterisierenden Eigenschaften gleich Null: Gebildet, sozial, romantisch, familienfreundlich, teamfähig. – Der diesjährige Wahlkampf ist wieder ganz von Inhalten und scharfen Thesen gekennzeichnet.

Ich mag es nicht, wenn man versucht, mich durch Geschriebenes zu manipulieren. Wenn ich auf der einen Seite sage, „Lernen Sie unseren Kandidaten näher kennen!“, und auf der anderen Seite ihn gleichzeitig anpreise, als sei er die Reinkarnation des perfekten Menschen (siehe Eigenschaften oben), dann entsteht eine Diskrepanz: Will ich die Wähler nur mit ein wenig Vorabinformationen versorgen oder ihnen gleich ein klares, idealistisches Bild vom Kandidaten vermitteln.

Bisher hat der Brief noch kein einziges Wahlkampfthema angesprochen, ich habe von meinem Recht – ich Glücklicher – erfahren, dass ich jetzt wählen darf. Ich habe erfahren, wie toll Herr Böck ist und was er alles macht und kann. Und im nächsten Absatz wird das selbe Credo (konkret im Schwammigen) fortgesetzt. Alles, was da explizit steht, ist: Jetzt wird alles gut.

Doch: Die Zukunft der Wakeboard-Anlage liegt zum großen Teil in den Händen des Investors (der Bürgermeister kann nur Hilfestellung leisten, noch dazu hat sich bisher kein Kandidat mit Ambitionen auf das Amt dagegen ausgesprochen). Das Kino hängt auch zu einem erheblichen Teil davon ab, dass ein Investor gefunden wird, das ist wiederum Sache der Wirtschaft, nicht der Politik. Alles was die Politik machen kann, ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen. „mehr Bars und Kneipen“, wenn ich das lese, muss ich schmunzeln: Denn es ist wiederum Sache der Wirtschaft bzw. einer Privatperson hier einen Bedarf zu erkennen und darauf sein Unternehmen zu gründen. Wie er sich also hier für Bars und Kneipen einsetzen will, bleibt äußerst fraglich. Noch dazu, da Herr Böck auch auf der Podiumsdiskussion im Gleis 1 am 03.02.2013 gesagt hat, dass solche Gastronomiebetriebe Sache der privaten Wirtschaft sind.

Direkt im Anschluss an die „Inhalte“ des Wahlprogramms folgt die Einladung:

Lerne Christoph Böck kennen und frage ihn einfach persönlich, was er für uns junge Leute in Unterschleißheim erreichen will. […] Komm doch einfach vorbei „auf ein paar Kugeln“ mit Christoph Böck.

Da ist es schon wieder, dieses abstruse und komische „uns“. Ich kenne Sie nicht, machen Sie sich das für das nächste mal klar, liebe Unterzeichnende. Dies ist keine Hochzeits- oder Geburtstagseinladung, die Sie mir da schicken.

Am Ziel vorbeigeschossen

Ich denke mal, es ist durchaus vertretbar zu sagen, dass Sie meine Empathie und mein Vertrauen in Sie erlangen wollten. Das ist Ihnen nicht gelungen, Sie sind gänzlich daran gescheitert.

Für Sie scheint es vor allem wichtig zu sein, dass auch ich Christoph Böck kennenlerne – nicht seine „Visionen“, Inhalte oder Ziele. Dabei ist es Ihnen scheinbar auch egal, ob ich wählen gehe am 03.03.2013, denn alles, zu was sie mich auffordern, ist es Billard spielen zu gehen. Am besten mit Ihrem Kandidaten. Glücklicherweise haben Sie das Datum der Wahl erwähnt. Ansonsten wäre es mir nicht klar geworden, warum ich als Erstwähler so einen Brief erhalten soll, bei dem es zu 95% um Christoph Böck (Sie erwähnen den Namen Böck 11 mal auf einer Seite) und in einem Halbsatz um mein neues demokratisch-legislatorisches Recht geht.

Sie wollten cool sein. Aber: Entweder man ist cool – oder man ist es nicht. Alles Wollen endet nur in einem: Peinlichkeit.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller

  • Koko

    So gern wie ich dich als Blogger mag, so sehr muss man einem Bekannten und Freund doch irgendwann mal sagen, dass es zu weit geht.

    Wir wissen von deiner Freundschaft zu den „Genossen“ und zu deiner Einstellung zur Politik. Dennoch gibt es weder dir, noch anderen Facebook-Politikern (MN), das Recht öffentlich darüber herzuziehen.
    Das es dann auch noch auf einer Seite entsteht, die etwas mit der Schule in Unterschleißheim zu tun hat (Carl-Orff-Gymnasium, kurz COG, vgl. Titel des Blogs) grenzt an politischer Propagande innerhalb einer pädagogischen Institution, wobei zu bemerken ist, dass dies verboten ist 😉 .

    Natürlich freut man sich hier als Wähler der gegnerischen Partei über diesen in Jugend wohl gut ausgedrückten „Fail“ des Hochlobens, vor allem nach der verunglückten Ü18-Party von einer anderen Bürgermeisterkandidatin, die mit absoluter Peinlichkeit auf den Modernen Slang geachtet und sogar sich selbst als DJane untergebracht hat. Das freut dich wie mich, vielleicht mit größeren Tendenzen auf deiner Seite, zwecks der Parteizugehörigkeit.

    Zusammenfassend ist jedoch zu sagen, dass diese Art der Niederschlagung wohl kaum vorteilhaft ist, weder für dich, noch für die Leser. Die einzigen Personen, die daraus einen Vorteil gewinnen können, sind die Wähler der wohl eher ungewollten und leicht „peinlichen“ Parteien der freien und biologischen Wahlparteien hier in Unterschleißheim. Diese werden bestärkt um vielleicht doch etwas erreichen zu können? Und am Schluss vernichten sich die Hauptstreit-Parteien gegenseitig und wir haben dann auch noch eine Unterschleißheimer 30er-Zone?? Hoffentlich nicht…

    Wie wäre es mal mit einem Vergleich der Ziele der Bürgermeister und ihren „Visionen“ die wohl wichtiger sind als die Person? Ich denke das würde allen Jungwählern und Lesern mehr nützen als Partei-Bevorzugungen 🙂

    Mit freundlichen Grüßen
    Koko

    • alex94

      Die Seite hat nur mit dem COG zu tun, insofern ich Schüler bin. Ist auch keine politische Propaganda, da ich als Schüler hier meine eigene Meinung vertrete, das ist ja auch einigermaßen klar dargestellt.

      Ich will die eigenen Fehler nicht kaschieren, noch die meiner Partei. Aber die sind mir in dem Moment ziemlich egal gewesen, als ich mich entschlossen habe, hierüber zu schreiben. Es ist eben so, dass ich eine Auswahl treffe, worüber ich schreibe. Allein schon, weil ich nicht allzu häufig blogge.

      Ich schreibe meine Meinung, im Sinne der Meinungsfreiheit. Dabei nutze ich – ja, das gebe ich zu – Polemik. Und das tue ich, weil ich unterhaltend sein will.

      Den inhaltlichen Themen habe ich mich bereits zur Genüge gewidmet: Im PAK und bei der Podiumsdiskussion, die ich mit vorbereitet habe. Aber da war das Interesse seitens der Jugendlichen kaum groß genug, um daraus einen Artikel zu machen.