Das Herz Unterschleißheims

Ich habe Unterschleißheim immer als eine Stadt mit besonderem Charme empfunden: Spaziergänge im Berglwald, das Erholungsgebiet, die Nähe zu München. Aber wo ist das Herz Unterschleißheims?

Unterschleißheim hat keine wahre Urbevölkerung. Vor 60-70 Jahren war es ein Dorf – zwar vor 1100 Jahren zuerst in Dokumenten erwähnt -, bestehend aus Bauernhöfen. Der größte Bevölkerungsteil besteht aus Hinzugezogenen, Heimat- oder Arbeitsuchenden und Vertriebenen aus dem 2. Weltkrieg.

Der Ortskern

Die frühere Lebensader, die Bezirksstraße, ist das geschäftliche Zentrum, eine Einkaufsstraße mit dem Charakter eines Ortskerns, aber ohne viel Peripherie. Seit Jahren hat ein Schwund von Geschäften eingesetzt, gastronomisch hingegen darf man sie durchaus noch als das Gebiet mit der höchsten Dichte an Restaurants und Bars sehen. Die baldige Untertunnelung des Bahnübergangs wird diesen Trend nicht stoppen. Das Zentrum hat sich zwangsweise verlagert, in Richtung Rathausplatz.

Der Rathausplatz ist als Marktplatz und Ort des Rat- und Bürgerhauses der zentrale Platz Unterschleißheims. Hier spielt sich ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens ab. Der Platz ist in der weitesten Hinsicht der aktuelle Ortskern. Die uneinheitliche Architektur ist geprägt von der Vereinigung von Wohnraum und Einkaufszentrum. Der Platz ist belebt dadurch. Ein notwendiger Erneuerungsbau des IAZ wird inzwischen schon konkret geplant. Ein Vorschlag, der dem Platz mehr Kontur geben würde, war zum Beispiel das Einkaufszentrum größer zu bauen und gleichzeitig die Parkplätze auf das Dach zu verlegen. Die Zufahrt zu den Parkplätzen würde über die Le-Cres-Brücke erfolgen. Die damit gestörte Sichtlinie von Rathaus zu S-Bahn, die von einigen als unabdingbar postuliert wird – ist so unscheinbar, wie auch ästhetisch nicht von Belange. Der Platz ist derart zerklüftet und unstrukturiert, dass eine zweite „Via della Conciliazione“ gar nicht zur Geltung kommt.

Entspannung und Genuss

Der Genussbürger entspannt im Valentinspark nach einer Tasse Kaffee oder einem Eis in der Bezirksstraße. An Naherholungsgebieten mangelt es nicht: Der Unterschleißheimer See, der Hollerner See, die Regatta in Oberschleißheim, der Bergl-Wald oder das Schloß Schleißheim. Nach der Verhinderung einer Erweiterung des Erholungsangebots in der Nähe – der Therme – gestaltet sich das Angebot immerhin noch als üppig: Ein Hallenbad, ein kleines Kino, Cafés, Veranstaltungsorte und die Leichtigkeit, München zu erreichen, machen Unterschleißheim mitunter für junge Familien attraktiv. So sehr, dass genügender und vor allem bezahlbarer Wohnraum ein knappes Gut ist.

Städteplanerisch findet eine Verlagerung der Zentren in die Peripherie statt: Das Ballhausforum, das Dolce-Hotel und die FOS. Der Stadt geht es wirtschaftlich gut, weshalb sich ein gewisses Zufriedenheitsgefühl eingestellt hat. Mithilfe von zwei Bürgerbegehren in den letzten Jahren hat man zwei Großprojekte von Stadt und Investoren gestoppt. Es etabliert sich die leicht schale und genussvolle Haltung des: Wir haben schon.
Die Gefahr hierbei liegt darin, dass später erheblicher Nachholbedarf besteht. Dies wird besonders anhand der Untertunnelung des Bahnübergangs in der Bezirksstraße klar. Ein Bürgerbegehren hatte dieses Vorhaben schon vor einem Jahrzehnt gestoppt. Nun wird das Vorhaben wiederum aktuell und ist schon beschlossen. Der Unterschied zu vor 10 Jahren? Es wird erheblich teurer. Inwiefern sich dieses Schemata wiederholt, bleibt abzuwarten.

Das wahre Herz Unterschleißheims findet sich nicht in Architektur, es findet sich nicht in Einkaufsstraßen und -zentren. Es findet sich vielmehr in der selbstbewussten Haltung der Kleinstadt im Norden Münchens: Mia San Mia.

Dieser Artikel ist zuerst in der Schülerzeitung COGnition des COG erschienen.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller