„Die Frau von früher“ – COG Oberstufentheater

Von 20.03.2013 bis 22.03.2013 führte die COG-Oberstufentheatergruppe das Stück »Die Frau von früher« von Roland Schimmelpfennig auf. Es ist bekannt durch seine zeitlichen Sprünge und die klare Analyse der Versprechungen, die Menschen einander »ewig« geben.

Frank, der Protagonist, mit viel körperlicher Präsenz von Tim Hofberger verkörpert, ist ein Familienvater, seit 19 Jahren verheiratet mit Claudia (Wiebke Reusch). Beide ziehen mit ihrem Sohn Andi (Andreas Klein) nach Amerika um und sind in den allerletzten Vorbereitungen hierfür.
Man sieht Frank in der Anfangsszene mit einer Frau sprechen, die Romy Vogtländer (Anja Egersdörfer) heißt und der er vor 24 Jahren das Versprechen der ewigen Liebe gegeben hat, was diese nun einlösen möchte. Wenn Romy adrett die Bühne im roten Kleid betritt, versteht man, wieso Frank vor 24 Jahren ihr ewige Liebe geschworen hat, gleichzeitig bemerkt man aber auch, wie »leer« sein Versprechen war.
Er zeigt sich zutiefst überrascht, versucht es vor seiner Frau zu verheimlichen, was nicht klappt. In der Folge entwickelt sich ein Kampf um Frank, in dem Claudia sich darauf versteift, dass 19 Jahre – inzwischen durchaus brüchige – Ehe nicht »abzuwaschen« sind, wobei Romy fast naiv auf das Versprechen pocht. Sie ist die Furie, die Vollstreckerin des versprochenen Schicksals, die im Prozess Franks Familie völlig dekonstruieren wird.
Frank, der sich am Ende nur noch unfähig am Boden krümmt, bekommt die Folgen seines Versprechens vorgeführt. Seine Frau, sein Kind, beide tot, schuld daran ist unmittelbar Romy.

Das ganze Stück ist durchwoben von ironisch-symbolischen Taten und Konsequenzen, die für sich selbst und ohne realistische Erklärung stehen. Frank, der seine Frau, die einen – fast irgendwie magisch – selbstbrennenden Mantel anonym (von Romy) geschenkt bekommen hat, brennen sieht, möchte ihr zu Hilfe eilen, stolpert über ein Spielzeugauto und verletzt sich beide Beine. Er liegt entwaffnet, völlig am Ende, sprichwörtlich am Boden. Die Gestalt der Romy dominiert ihn, sie nimmt die schicksalhafte, furientypische Rache.
Schimmelpfennig möchte diese Ereignisse nicht realistisch in den Plot einbauen, sie stehen für sich selbst. Er zeigt, was geschieht, wenn man das Modell eines ewigen Versprechens durchdenkt und ihre Gültigkeit durchsetzt. Welches Motiv hat schon Romy ihn zu zerstören?

Wir, die Zuschauer, strafen gleichzeitig Romy für ihre Naivität und übersehen dabei die Inflation der ewigen Versprechen (»Ich liebe dich. Aber wir werden uns nicht wiedersehen.«, sagt Andi zu seiner Freundin – Was ist ein solches Versprechen wert?). Schimmelpfennig kritisiert die Versprechungen, die sich Menschen gegenseitig für immer geben, wie auch die Frequenz und die Leichtfertigkeit, mit der man sie gibt.
Alle Charaktere müssen in der Folge scheitern, Claudia ist ein Kollateralschaden und Andi wird für die Wiederholung von Franks Versprechen zu Romy bestraft – Romy erblickt in ihn Frank und rächt sich.

Das Ende des Stücks (Schimmelpfennig lässt es eigentlich offen, ob Frank stirbt und was mit Romy geschieht) ist ironisch gebrochen, indem die Theatergruppe wiederum Tina (die Freundin Andis, gespielt von Nina Spindler) – die zu recht die anachronistische Parallele der Romy ist, eine weitere zeitliche Verschiebung Schimmelpfennigs – die Rolle der endgültigen Furie geben.
Somit ist ironischerweise jede Erinnerung an die Familie und Romy prinzipiell ausgelöscht (vgl. Tinas Interpretation, dass wir alle nach bleibendem Eindruck streben), bis auf das, was Tina weiß, die in Lara Croft Manier Romy erschießt.

Das Stück wäre nur halb so amüsant, wären da nicht die omnipräsenten Möbelpacker, die den Umzug organisieren. Die Möbelpacker könnte man als Repräsentanten des stummen Inhalts der Umzugskisten interpretieren. Der Vergangenheit, aber auch als Parallelen des Präsens. Sie verzerren Schimmelpfennings Werk, liefern es sich selbst aus. Das Werk wird in sich reflektiert, gebrochen, zerbrochen und letztlich wieder zusammengefügt. Die Allusionen und Intertextualiäten sind ein Hauptbestandteil der »Frau von früher«, hier werden sie konsequent aufgenommen: die Utopie von »Romeo und Julia« und »Pyramus und Thisbe«, wie auch die Tragik von »Romeo und Julia auf dem Dorfe« mithilfe der urkomischen Gestalten der Möbelpacker (und ein wenig Migrationshintergrund) ad absurdum geführt.

Es ist selbstironisch, wenn es in Programmheft heißt, man fürchte die »Niveaupolizei«. Diese Furcht darf man getrost fallen lassen, wer sich bei so vielen Handlungssträngen, zeitlichen Sprüngen und Anspielungen noch zurecht findet und einen eineinhalbstündigen Theaterabend derart unterhaltsam gestaltet – dem mag die »Niveaupolizei« gestohlen bleiben, ist sie doch sowieso nur eine »Scheißfotze«.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller