Die Mensa – ein Erfahrungsbericht

„Essen soll Spaß machen und unbeschwert zur persönlichen Entspannung beitragen.“ – Iwentcasino

Diese hochgestochenen Worte klingen für mich nach 2 Jahren Mensa-Erfahrung wie Höhne. Nicht nur allein die Zeit, die ich durch Warten verbracht habe, sondern auch das Produkt, das ich hierfür erhalten habe, stehen in keiner Relation.

Alltag

Mein alltägliches Essen in der Mensa trägt in keinster Weise zu meiner „persönlichen Entspannung“ bei. Sie entnervt mich viel mehr. Aber fangen wir einmal von vorne an.

Phase 1: Die letzten 5 Minuten der 6. Stunde

Es ist 12:55 – diejenigen Schüler, die noch rechtzeitig in der Mensa sein wollen, werden langsam auf ihren Plätzen unruhig. Besonders nervöse Schüler haben schon danach gefragt, ob man nicht „5 Minuten früher aufhören“ könnte. Der berühmt berüchtigte Spruch machte solche Rumore, dass zwischenzeitlich für die gesamte Schulgemeinschaft durchgesagt wurde, dass man dies doch bitte unterlassen solle, da die Unterrichtszeit sich somit beständig verkürzen würde. Nichtsdestoweniger setzt sich der Trend fort – inzwischen wird es an Tagen, wie Montag oder Mittwoch sogar schon um 5 Minuten vor 13:00 Uhr eng in der Mensa.

Phase 2: Der 100 Meter Lauf in unter 10 Sekunden

Der Lehrer hat zugestimmt, auf einen Teil seiner Stunde – entweder, weil er schon fertig ist oder, weil er sich erbarmt hat – freiwillig verzichtet und der Startschuss ist gegeben. Wie bei Olympia sprinten wir los. Ältere Schüler müssen sich an das Protokoll halten. Moderat schneller werden ist erlaubt, doch offenes Rennen ist verpönt und wird mit Blicken gestraft. Jüngere Schüler überholen ganz selbstverständlich rechts und links und reißen die Türe auf: Auf ins Getümmel!

Phase 3: Gabel oder nicht Gabel – das ist hier die Frage!

Doch hier lauert schon die nächste unliebsame blutdrucksteigernde Entdeckung: Gabeln sind aus. Messer? Fehlanzeige. So muss man sich mit einem Löffel zu Frieden geben. Bei einem Schweinebraten eine echte Prüfung der motorischen Fähigkeiten. Es zeigt sich: Der Anteil an Grobmotorikern im Gymnasium bleibt konstant gering. Aber nun schnell, schnell zur Schlange. Wie? 5 Minuten vor 1 Uhr und die Schlange ist schon so lang? Nun gut – schließlich habe ich ja eine halbwegs gute Position und in 5-10 Minuten sollte ich mein Essen haben. Pah! Falsch gedacht!

Und wie geht das? Mit Freude, Engagement und Handwerk! – Iwentcasino

Phase 4: Ein unmoralisches Angebot

Der Gong ertönt. Zwei Minuten später flutet eine Welle von hungrigen Schülern die Mensa und ich habe noch nicht den sicheren Hafen des abgesperrten Anstellbereichs erreicht. Ein großer Fehler. Schnell ein Tablett geschnappt und schon erspäht man einen Bekannten oder sogar Freund vor sich in der Schlange. Kurzer Smalltalk und schon schlängeln sich die Tabubrecher an mir vorbei nach vorne. Eine Verzerrung von Raum und Zeit nach Einstein und schon sehe ich mich nach hinten wandern – entgegen dem Gesetz der Warteschlange! Da nützt kein Teilchenmodell oder Higgs-Boson.

Aber ein Gymnasium wäre keine hohe Bildungsanstalt, wenn die Schüler das nicht argumentativ begründen könnten. Oberstufenschüler haben einen engen Zeitplan – verständlich. Dennoch lässt es dieser Zeitplan für einige zu, sich erst vorzudrängeln und später umso länger in der Mensa zu flanieren und Konversation zu betreiben.

Doch wo fand dieser Trend seinen Anfang? Alles begann mit dem Privileg der Lehrer, sich der Schlange entledigen zu dürfen und Zeit zu sparen. Durch demonstrative Machtspielchen einiger „schwarzer Schafe“ des Lehrerkollegiums wurden wohl auch einige Schüler angeregt, es einmal zu versuchen. Und niemand schreitet ein. Der Mensa ist es egal – Gewinn ist Gewinn – und die Lehrer sind zu gestresst. Es sei denn, sie sind so anständig, sich selbst anzustellen.

Phase 5: Nach der Mensa, ist vor der Mensa

„Und das Wichtigste: Jede Woche ein KLIMA-TAG!“ – Iwentcasino

Hat man das Treiben einmal überstanden, dann kann man sich schon einmal auf den nächsten Besuch „freuen“. Und dann dieses unglaubliche Phänomen des „Klima-Tags“. Ein Tag, an dem es dem Klima zu Willen kein Fleisch gibt. Ich möchte nicht urteilen, ob das sinnvoll oder nicht ist, ich möchte nur beschreiben, was das ist: Ein Tag, an dem es zwei vegetarische Gerichte gibt. Ich selbst, esse nur noch selten an diesem Tag in der Mensa, denn billiger wird das Essen auch dann nicht, obwohl der Nährwert gefühlt sinkt.

Und die Moral von der Geschicht‘? – Mit leerem Bauche lernt sich nicht.

Abhängigkeit ist etwas, das viele Schüler zwingt, das Angebot der Mensa zu nutzen. Um gute Ergebnisse auch am Nachmittag erzielen zu können, muss der Energiespeicher wieder aufgefüllt werden. Für viele Schüler ist es dabei zu beschwerlich, zum Rathausplatz oder wo anders hin zu gelangen – die Alternative am Ort fehlt. Und somit wird die Mensa trotz allem auch weiterhin für viele alternativlos sein. Die Einfachheit der Bezahlung ist auch ein großer Punkt pro Mensa – birgt aber auch Gefahren. Das Gefühl für das wirklich ausgegebene Geld ist nicht vorhanden, ähnlich einer Kreditkarte – auch wenn sich dadurch wohl niemand überschulden wird.

Ich selbst erwarte hoffnungsvoll den Unternehmer mit der genialen Idee einen kleinen Imbissstand nahe dem Gymnasium zu eröffnen. Doch bald würde dieses Geschäft an der begrenzten Speisekarte scheitern – niemand isst gerne 5 mal in der Woche Currywurst. Und hierin liegt wohl auch der große Vorteil unserer Mensa: Über Monotonie wird sich niemand beschweren.

Ich selbst habe bemerkt, dass man beruhigt und bequemlich das Angebot des Chinesen am Rathausplatz nutzen kann – was ungemein zu meiner „persönlichen Entspannung“ beiträgt.

 

Quelle der Zitate: http://mensa.carl-orff-gym.de/?page_id=40

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller

  • Super Bericht hast du da geschrieben!

    Wir von der Realschule beneiden euch weil ihr eine Mensa habt – doch jetzt glaube ich müsst ihr uns beneiden weil wir keine Haben ^^

    Grüße

    Fabi

  • Sehr gut!!! Du sprichst mir aus der Seele 😉 Ich habe gehört, dass seit kurzem ziemlich in der Nähe von der Schule ein neuer catering service aufgemacht hat, ich habs leider noch nicht ausprobiert, aber der Flyer der bei uns im Briefkasten war, sah sehr gut aus und die hatten eine ziemlich große Auswahl!
    Janine