Ein Denkmal den sinnlosen Verboten.

Eine Woche nach den Osterferien wurden die Änderungen der Hausordnung durch das Schulforum, einem Gremium aus SMV, Schulleitung und Elternbeirat, bekanntgegeben. Nachdem schon durchgedrungen war, dass Energydrinks verboten sind, wurde nun publik gemacht, dass auch angemessene Kleidung nun in einer verstärkten Weise vorgeschrieben sei. Diese Regelung schließt ein Verbot von sog. Hot-Pants, kurzen Röcken oder tiefen Ausschnitten, wie auch den altbekannten Cappys ein.

Ein Shitstorm tarnt sich als Facebook-Revolution

Am Nachmittag des Tages des Bekanntwerdens dieser neuen Verbote brach ein regelrechter Sturm der Entrüstung auf Facebook aus. Der überwiegende Tenor: Man müsse jetzt protestieren, wenn nicht sogar provozieren! Die letzte Bastion der Freiheit der deutschen Schüler – die Verhinderung einer Schuluniform – dürfe nicht fallen! Ich selbst habe mich eher ironisch eingebracht, indem ich Beiträge mit „Viva la Revolution“ oder „Viva la Resistance“ kommentierte. Zeitweise wurde die „Meuterei auf dem COG“ ausgerufen, „Lasst sie Kiel holen!“.

Erkenntnis der eigenen Kraft

Die Reaktion auf Facebook beweist gleichzeitig aber auch, dass auch Schüler zu Kritik und Protest fähig sind. Wenn auch der Protest im Ausdruck des Tragens von eben jenen Kleidungsstücken ausbaufähig war, spürte man dennoch Willen bzw. Meinungsbildung. Das Thema berührte quasi existenziell.

Der Versuch einer Rekonstruktion

Was konnte die Schulleitung zu solch einer Maßnahme bewogen haben. – Abgesehen von der fatalen Informationspolitik einiger Schülersprecher, die selbst Teil des Gremiums sind und dennoch keinen Ton hierüber verloren haben. – Eine Begründung gab es nicht. Das fordert auf, sich selbst eine zu erschließen.

Triebsteuerung

Man denkt fast automatisch an die Ablenkung bedingt durch den Reiz, den knappe Kleidung beim anderen Geschlecht hervorruft, aber natürlich auch an den „Schutz der Lehrkraft“. Ich kann mich schwer entscheiden, was schwerer wiegt: Die kollektive Unterstellung, die Lehrkraft beeinflussen zu wollen oder aber die Degradierung von pubertierenden Jungen zu von ihrer Libido gesteuerten Objekten. Man mag sich dem biologischen Trieb teilweise nicht entziehen können, das sei hier nicht geleugnet. Aber wenigstens einer Lehrkraft dürfte man diese Erfahrung und diese Standhaftigkeit im Umgang mit Jugendlichen zutrauen.

Ein falscher Problemansatz

Anstatt jedes Mädchen mit oben genannten Kleidungsstücken in dem Sinne zu diffamieren, indem man ihr vorwirft sich als Sexobjekt darzustellen und diese Haltung durch ein Verbot zu statuieren, mache man sich Gedanken über Hintergründe. Die Ankunft des Trends der Miniröcke und kurzen Kleidungsstücke in der Jugend ist eine Entwicklung, die sich schon lange abzeichnet. Vorbilder gibt es Zuhauf in den Medien, hiernach richtet sich Sprache und Ausdruck der Persönlichkeit, auch ihr „Nachaußentragen“: Die Kleidung. Mit wachsenden Ansprüchen an die Jugendlichen, gleichen sich diese schneller an die junge Erwachsenenwelt (ca. 17-30 Jahre) an, in der Mode eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielt. Mit dem Zwang einer „angemessenen Kleidung“ verunsichert man gleichzeitig die Schüler, wie man auch diesen Trend befeuert. Das Wunschdenken, „Kinder“ würden wieder das anziehen, was sie vor Jahren angezogen haben, ist insofern falsch, da Schönheitsideale nun viel früher in unser Leben einziehen und ihren Platz einnehmen. Auch die Pubertät beginnt früher. In der Zwickmühle zwischen „angemessener“ und „hipper“ oder „trendiger“ Kleidung, entscheiden sich noch mehr Leute, sich an die Erwachsenenwelt anzupassen.

Ein Appell der Vermittlung

Jene Zeiten der Bekanntmachungen von Entscheidungen am schwarzen Brett sind vorbei. Das Voranschreiten der Pädagogik und der Aufklärung hat gezeigt, dass auch Verbote vermittelt werden müssen. – Hierzu sei auch die Parallele in der Politik für Gesetze etc. angedeutet. – Die simple „Von oben herab“-Führung einer Institution führt letztendlich nicht zum bezweckten Ergebnis. Wenn Verbote notwendig werden, dann ist es ebenso notwendig, sie zu vermitteln. – Die Aufgabe, sie den Schülern zu vermitteln, liegt hier klar bei der SMV. – Als Beispiel für eine idealistische Umsetzung gilt hierbei Summerhill. Regeln werden von den Schülern aufgestellt und entworfen. Auch wenn es selbstverständlich unsinnig wäre, dieses System bei einer Schülerzahl von 1200 einzuführen.

Das Bestreben zu gefallen

In der aktuellen Jugendkultur geht es vor allem darum, zu gefallen. Abgesehen von Facebook & Co. ist dies nichts Neues, Komplimente zu bekommen hatte schon immer seinen Reiz. Allein die Erweiterung auf ein offen gelegtes, zweites Ich im Internet hat dieses Bestreben befeuert, Selbstdarstellung gefördert. Doch mag man nicht aus dem Auge verlieren, dass auch jedes Streben seinen Nachteil hat.

„Es irrt der Mensch solang er strebt“

Diesen Satz lässt Goethe Gott in Faust sagen und trifft damit den Kern der Sache.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller