Gastbeitrag: Huch, es ist Wahlkampf!

Dies ist ein Gastbeitrag. Der Autor ist Martin Nieroda, der stellvertretende Ortsvorsitzende der CSU in Unterschleißheim. Er nimmt Stellung zu den Artikeln im Lohhofer Landkreis Anzeiger.

Ich begehe gleich mal zu Beginn einen Fehler. Als Vertreter der CSU beziehe ich mich in einem Artikel auf die SPD. Ich tappe also in die Falle, denn ich halte die Partei weiterhin im Fokus.
Nun gut, warum schreibe ich dann das? Mir scheint es den Fehler wert zu sein, hier mal kurz innezuhalten und zu analysieren.
Der Leserbrief zu den Visionen des Bürgermeisterkandidaten der SPD hat eine Gegenreaktion ausgelöst. Gleich zwei Antworten von SPD-Stadträten versuchten, die Visionen ins rechte Licht zu rücken. Dabei fallen bei genauerer Betrachtung mehrere Dinge auf.
Zunächst ist die SPD unheimlich präsidial. Man hätte auch anders auf den Artikel reagieren können – ich selbst wäre für derlei Argumente von einer mich sehr schätzenden Parteigruppierung am Ort sofort wieder zum Polemiker erhoben worden, der gegenüber Städteplanern keine Ahnung hat.
Nun gut: Polemisch ist die SPD nicht, die beiden Antworten sind sehr höflich und versuchen ganz im Sinne eines kritischen Rationalismus nur die eigene Meinung gegen Angriffe abzusichern. Die Form ist also über jede Kritik erhaben. Nun zum Inhalt.
Ich zitiere: „Die betreffende „WIR“ wurde in der Vorweihnachtszeit an die Haushalte verteilt. Es ist also nun schon einige Zeit von der Verteilung der Zeitung bis hin zu Ihrem Leserbrief vergangen. Genauer gesagt, sind es schon etliche Wochen.“

Der Autor wundert sich ein wenig über den Zeitraum der Veröffentlichung des Briefes. In Anlehnung an die Sexismus-Debatte verwendet er das Argument, dass die Vorwürfe erst spät auf die Veröffentlichung des/der (?) „WIR“ folgen. Von Weihnachten bis Fasching sollen es also einige, genauer gesagt etliche Wochen sein. Also wenn ich richtig gezählt habe, dann sind es seit der Vorweihnachtszeit (etwas ungenaue Angabe, zugegeben, ich verwende hier die Mitte der Vorweihnachtszeit, den zweiten Advent) sieben Wochen gewesen. Wenn Sie sieben Euro für etwas ausgeben müssen, sind das dann etliche Euro? Wie viele Schulden hat dann Bayern oder Nordrhein-Westfalen – unendlich etliche viele Euro?

„Dass Ihre Veröffentlichung gerade in die heiße Phase des Wahlkampfs fällt, kann natürlich Zufall sein, lässt aber auch Spielraum für Vermutungen offen.“

Huch! Dem Bürger Unterschleißheims ist es natürlich noch nicht anhand der schon von Herrn Birzl kritisierten Überplakatierung, den ständigen Infoständen, den Podiumsdiskussionen, den Veranstaltungen mit überkommunalen Politikern und nein, nicht zuletzt an der „WIR“ und dem Wahlaufruf am Ende des Leserbriefes aufgefallen, dass Wahlkampf in Unterschleißheim ist. Was für eine gewiefte und hinterhältige Taktik, gerade in Wahlkampfzeiten etwas zum Wahlkampf zu sagen. Der Spielraum für Vermutung ist hier ungefähr so offen wie die koreanische Grenze entlang des 38. Breitengrades.
Daran angeschlossen kommen dann die Darstellungen über den ungemütlichen Alltag an der Bezirksstraße, für die sich die SPD eine weniger gehetzte Stimmung wünscht. Wie wir alle wissen, sind verhetzte Menschen keine guten Menschen (vgl. „Woyzeck“ von Georg Büchner). Warum sind die Unterschleißheimer samstags am Morgen in der Bezirksstraße so gehetzt? Natürlich liegt das an der Bezirksstraße und ihrer schlechten Planung. Wäre die Bezirksstraße nur ein wenig schöner, dann würden die Menschen natürlich liebend gerne bei -5° an den Infoständen der Parteien stehenbleiben, plaudern und sich dieselben Werbegeschenke wie letzte Woche geben lassen und sich zum zehnten Mal anhören, warum man den oder die wählen soll. Den eisigen Wind oder den Niederschlag ignoriert man dann natürlich auch. Wäre die Bezirksstraße also nur ein kleines bisschen schöner, dann würden die Menschen nicht alle ihre Einkäufe am Samstag Morgen erledigen.
Die Idee einer Flaniermeile in Unterschleißheim birgt Potential – die Unterschleißheimer wüssten wohl nur gerne, wie die aussehen.
Beide Autoren werden in ihren Briefen historisch. Ja, Gleichschaltung ist blöd. Da gibt es Zustimmung. Die Frage ist, ob man jetzt die Geschlossenheit einer Fraktion gleich mit der Gleichschaltung gleichsetzen muss. War die SPD-Vollversammlung jetzt auch gleichgeschaltet, weil sie mit überwältigender Mehrheit den Bürgermeisterkandidaten gewählt hat? Wenn die SPD-Bundestagsfraktion geschlossen gegen ein Gesetz der Regierung stimmt, sind die dann gleichgeschaltet? Ist das berühmte Verfehlen der Kanzlermehrheit jetzt auch ein demokratisches Aufbäumen gegen die Gleichschaltung? Irgendwie hab ich das im Sozialkunde-Unterricht anders beigebracht bekommen. Letztendlich wirkt das Beispiel so, wie wenn eine Mutter in einer Diskussion zu ihrem Argument hinzufügt: „Jaja, in ein paar Jahren bin ich eh weg, da könnt ihr dann das Fest auf eure Weise machen.“ Was soll man nach so einem moralischen Vorschlaghammer sagen?
Nun zu den schönen Beispielen für Menschen mit Visionen. Es wird gleich zu Beginn betont, dass die Dimensionen der gewählten Beispiele die Unterschleißheims übersteigen – gut, warum werden dann überhaupt die Beispiele gewählt?
Präsident Kennedy und Dr. King waren große amerikanische Persönlichkeiten (seltsame Nähe der SPD zu den USA), deren Visionen sie das Leben gekostet haben, weil irgendein Querkopf partout nicht mit der Äußerung dieser Visionen leben konnte. Ein großer Anteil des Ruhmes der beiden generiert sich aus diesem zu frühen Ableben. Aus dem Grund sind die Beispiele aus meiner Sicht „suboptimal“ gewählt.
Ach, weil ja Wahlkampf ist, aber bitte, pst! Soll ja keiner merken: mir ist da Brigitte Weinzierl als Bürgermeisterin doch lieber, die ist unaufgeregt, unpathetisch und wählt Sachbeispiele, über die man trefflich diskutieren kann.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller

  • True Homo

    Ansichten eines Schülers werden zu „Ansichten eines subjektiven Dummschwätzers der CSU“ ?
    Parteipropaganda auf einem neuen Niveau. Herzlichen Glückwunsch an die Bloggergemeinde

    • alex94

      Ich habe stets Meinung vertreten. Meinung ist nie auf einem „neuem Niveau“. – Es ist ein Gastbeitrag. Und sofern es Ihnen nicht passt, was hier vertreten wird, dann bitte: Vertreten Sie Ihre Meinung und lassen Sie den Menschen gelten, der hinter einer jeder Meinung steht.