Gravity

In den Himmel gelobt


Der Film “Gravity” mit Sandra Bullock und George Clooney wird in den Kritiken (Spiegel, FAZ, Filmstarts.de) aufs Höchste und ohne jegliche Einschränkung gelobt.

Achtung: Ich verrate Details aus dem Film. Wer also noch plant, sich den Film anzusehen, sei gewarnt.

Bildgewaltige Darstellung

Die Kameraführung (der Übergang vom stillen Weltraum in den Helm der Astronauten) und die Visual Effects sind atemberaubend, man schwebt im 3D-Effekt mit den Astronauten fast mit. Die Stille unterstützt im Widerspiel mit der Musik den gespenstischen Augenblick und die unwirkliche Umgebung. So gesehen ist der Film sehr konsistent und gelungen.

Eine inkonsistente Geschichte

Doch wenn es an die Geschichte geht, ergeben sich Unsicherheiten. — So spielt der Zufall eine entscheidende Rolle im Film. Der Abschuss des Satelliten durch die Russen erscheint dem Zuschauer zufällig, dafür wird keine Erklärung geliefert. Dass Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) und Commander Matt Kowalski (George Clooney) das Trümmerfeld knapp überleben und der Funkkontakt gerade so nicht abreißt, dass das Trümmerfeld jetzt überhaupt ihre Umlaufbahn schneidet, dass sie den Feuerlöscher mit in die Rettungskapsel nimmt und wie zufällig den richtigen Knopf in der chinesischen Rettungskapsel findet. Die Szene, als sie Kontakt zu einem grönländischen Fischer hat — die Geschichte hat nichts zwingendes, alles ereignet sich, der Zuschauer wird verwundert zurückgelassen.

Zufall als Hauptmotiv wäre ein interessanter Ansatz dem Weltraum zu begegnen. Der Raum, das All ist vom Chaos, vom Zufall und der Physik der Kettenreaktion beherrscht. Alles geschieht zufällig und hat doch Kausalität in sich.

Trotzdem hat Alfonso Cuarón es nicht hierbei belassen. Das Motiv des Individuums, das sich allein im Weltraum durchschlägt, erinnert stark an den American Dream: Genug Wille führt zum Ziel.

Minimalismus

Es wird nicht klar, warum Dr. Ryan Stone nun noch eine tote Tochter auf der Erde hat — und was diese direkt mit der Geschichte zu tun hat. Die so für Minimalismus gelobte Geschichte scheitert an diesem Punkt: Ja, wir alle haben Probleme, und so gesehen will Stone sie auf der Erde zurücklassen. Dennoch wirkt das Motiv des Kindstodes und ihre Erzählung, wie sie jeden Tag nach der Arbeit ziellos mit dem Auto herumfährt, mehr konstruiert als zufällig.

Die Dialoge in diesen Szenen sind klobig, abgegriffen und phrasisch. Clooney schafft es zwar mit seinem Witz dem ganzen seine Leichtigkeit ein Stück weit zurückzugeben, aber zum Ende hin vermisst man das.

Fazit

Man muss den Film loben für seine teils sehr stringente Umsetzung des Motivs der “Gravity” und des Zufalls — spannend und voll atmosphärischer Szenen ist der Film allemal.

Ein emotionales Meisterwerk ist der Film aber nicht. Dafür sind die Schlüsselmomente teils zu konstruiert und schwammig.

Auch unklar ist, was der Regisseur nun mit der Endszene sagen will. Stone stürzt auf die Erde, überlebt den Eintritt in die Atmosphäre und landet — zufällig! — in einem See. Mit letzter Kraft schafft sie es an Land und richtet sich — euphorisch — langsam auf.

Man wird dabei den Anklang an die Evolutionstheorie nicht los. Soll das darstellen, dass das Leben von dem Weltraum auf die Erde gekommen ist? — Stone kriecht aus dem Wasser (!), richtet sich auf (!), ein Trommelschlag, man sieht den Schriftzug “Gravity” auf der Leinwand und es wird still im Kinosaal.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller