„Ich war so gesehen ein Mitläufer.“

Der Regisseur und Filmemacher Erik Grun am COG

Der 9.11. ist der Tag der jüngeren deutschen Geschichte: Die November-Revolution 1918, der Hitler-Putsch 1923, die Novemberpogrome 1938 und die Verkündung der Ausreisegenehmigungen 1989 durch Günter Schabowski. Vieles spricht dafür, genau an diesem Tag über Zeitgeschehen zu sprechen. Für die Q12 am COG hat Herr Babel Erik Grun, einen Freund aus seiner Studienzeit eingeladen.

Erik Grun ist 1966 geboren, erlebte die DDR also vor allem während seiner Jugendzeit, ist heute als Regisseur und Krankenpfleger tätig und bekennender JoachimRingelnatz- Fan. Das interessanteste Detail seiner Jugend liegt darin, dass er Nationaltorhüter in der Jugendnationalmannschaft der DDR war und dort unter anderem mit Matthias Sammer zusammen gespielt hat. Er erlebte dabei vor allem zwei Seiten der DDR: Den Profisport und die Staatsmacht. Sein Bruder versuchte 1984 über Ungarn zu fliehen. Die Flucht scheiterte daran, dass ein Kumpan an einem Zaun hängenblieb und der Bruder umdrehen musste, um ihm zu helfen. Die Aktion scheiterte, man schoss auf die Flüchtlinge und fing sie ein. Später kaufte der Anwalt Vogel Gruns Bruder nach einjähriger Haft frei und dieser durfte in die BRD ausreisen. Nach der gescheiterten Flucht muss auch Gruns Familie mit Sanktionen rechnen. Die Staatssicherheit verhört sie.

Der Sport war für Erik Grun bis dahin alleiniger Lebensinhalt gewesen. Er wollte nicht den höheren Bildungsweg beschreiten, der mit einer dreijährigen Militärtätigkeit verbunden gewesen wäre, und somit hat er “früh erkannt, dass Fußball mein Leben war.” Er hat alle seine Träume in den Sport gesteckt und berichtet auch von den spöttischen Bemerkungen gegenüber Sammer, dessen verfeinerte Technik damals von der Mannschaft beäugt wurde. Insgeheim jedoch war man überzeugt, dass Sammer und Ulf Kirsten “mal ganz weit kommen” würden.

Wegen des Fluchtversuchs seines Bruders muss Erik Grun den Sport aufgeben. Er erhält einen “PM12″-Ausweis, was bedeutet, dass er als fluchtgefährdet eingestuft wird, und somit kann er nicht zu Freundschaftsspielen gegen westliche Länder mitreisen. Das Verhältnis zu seinem Bruder war daraufhin gestört. Gleichzeitig empfand er aber auch Verständnis: “Ihn hat es immer gestört, dass er nicht sagen durfte, was er will.” Erik Grun schätzt sich diesbezüglich als ein anderer Menschentyp ein: “Mein Bruder war so ein komischer Mensch, der immer gesagt hat, was er gedacht hat.”

An der Art, wie Grun all dies erzählt, wird klar, dass er kein typischer Zeitzeuge ist. Die Erzählweise ist zu natürlich, zu chaotisch und zu wenig einstudiert, als dass ein solcher Eindruck entstehen könnte. Er ist auch anders eingestellt zu dem, was er erzählt, als beispielsweise Roman Grafe, der im letzten Jahr als Zeitzeuge da war. Während dieser voll sichtlicher Wut und mit Abscheu erzählt hat, ist Erik Grun distanziert und es scheint, als habe er mit diesem Kapitel abgeschlossen.

Die Entwicklung seines Lebens sieht er nicht mit Verbitterung, sondern glücklich: „Ich habe ein ganz buntes Leben geführt!” Nachdem er mehrere Berufe (er arbeitet unter anderem auch in einem Salzbergwerk) in der DDR praktiziert hat und in der Punk-Szene aktiv geworden ist, findet er nach der Wende den Weg zum Film. Er arbeitet als Schauspieler bei einer Stadtführung in Regensburg und entdeckt damit seine Begeisterung für die Regie. Neben seinem Beruf als Krankenpfleger dreht er mehrere kleine Filme, unter anderem „Barcelona”, in dem ein gewisser Rainer Babel eine der Hauptrollen innehat.

Seine persönliche Aufarbeitung der DDR vollbrachte er in dem Film „Tage nach der Macht”, in dem er den zukünftigen Alltag von Stasi-Offizier Erich Mielke darstellt als einem vereinsamten, verbitterten, grauhaarigen Mann, dessen Lebensinhalt in der ebenso monotonen wie monochromen Aufgabe besteht, eine neue Mauer im eigenen Keller aus den Ruinen der alten Stasigebäude zu erbauen. Die ironische Überzeichnung des alten Mannes wird ganz besonders klar, als er versucht über eine versteckte Telefonbuchse in Moskau anzurufen. Der Film lief einige Zeit lang in einem Museum in Berlin.

Das Verhältnis zur DDR gestaltet sich differenziert, wobei Grun vor allem seine Kinderzeit bis zum 12. Lebensjahr als sehr behütet ansieht. Grausame Erfahrungen hat er in der Armee gemacht, da man den Kriegsdienst in der DDR nur schwer verweigern konnte. „Ich habe Menschen sterben sehen”, Menschen, die an der Schikane durch die Befehlsheber und an der harten Umgangsweise in der Armee zugrunde gingen. Diese 1 1/2 Jahre waren die schlimmste Zeit seines Lebens.

Als am 9. November die Mauer fällt, ist er betrunken: „Wir wussten nicht, ob es eine Verarschung ist.” So amüsant wie ironisch: “Wir haben kleine Schnapsgläser zu einer Mauer aufgebaut und die immer wieder eingeworfen.” Seinen Weg nach Bayern findet er über einen Zufall. Eigentlich wollte er in jegliches westliches Bundesland, bis auf Bayern. Da er aber in den falschen Bus steigt, findet er seinen Weg nach Niederbayern, wo er den Beruf des Krankenpflegers erlernt.

Erik Grun war nicht im Widerstand organisiert: „Ich war so gesehen ein Mitläufer.” Sein Leben ist dadurch geprägt, dass die Taten anderer ihn bestimmt haben – bis zu dem Punkt, an dem die Mauer fällt. Sein Leben nach der Flucht seines Bruders und die wenig zielstrebige Lebensweise (er machte, was er wollte, übte sieben Berufe aus) und die Teilnahme an der Punk-Bewegung können als Versuch eines Ausbruches gesehen werden, der erst mit der Wende klappte. Sein letzter Rat an uns? – „Wenn du ein ernstes Thema erzählen willst, musst du mit einer Komödie locken. Das ist zwar glashart, aber das ist so.”

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller