„Jedermann und die Brandstifterinnen“ – COG Oberstufentheater

– Eine Kritik –

Theater muss unterhalten – und das tut „Jedermann und die Brandstifterinnen“ in jedem Falle. Die Bearbeitung des Werkes „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch (zu sehen am 26. Und 27.06. im Gleis 1) zeigt aufs Neue die überraschende Spritzigkeit, welche die Oberstufentheatergruppe um das Ehepaar Blum auch dem kargen, satirischen Stoff abzugewinnen mag. Die schon in „Der Sandmann“ aufgezeigten Qualitäten, die Möglichkeiten auszuloten, ein Stück sich von innen selbst besehen zu lassen, zeigen auf, welches Potential hier ausgeschöpft wird. Selbstironisch sagt eine der Brandstifterinnen, einen längeren Diskurs beendend: „Schluss mit der Metaebene“. An diesem Punkt nimmt das Stück endgültig an Fahrt auf.

Auch in der Verarbeitung des eigentlichen Stoffes brilliert die Gruppe. Selbstsicher greift man moderne Fragen zur Identität und vor allem zur Verantwortung des Menschen auf, wie zum Beispiel die Atomkraft oder die Klima-Protokolle. Das steht ganz in der Tradition Frischs, der diese Fragen noch expliziter in „Homo Faber“ herausarbeitete.

Während Biedermann seine Menschlichkeit wiederholt betont, laufen im Hintergrund die Bundestagsrede Angela Merkels nach Fukushima und es werden fiktive und echte Zeitungsartikel zum Klima-Gipfel in Durban gezeigt. Als dann der auferstandene Goebbels seine Frage des totalen Krieges parodiert stottert und eine Menge auf der Videoleinwand „Ja!“ grölt, ist man gefangen im Geflecht der Handlungsfäden. Doch Blum lässt den Rezipienten nicht allein, schützend nimmt er uns an der Hand und lässt den Feuerwehr-Chor (von einer Schauspielerin mit zwei Handpuppen mit viel Witz gespielt) erklären, dass alle Versuche, die Katastrophe abzuwenden, doch im Angesicht des Schicksals sinnlos seien – es geschehe, was geschehen müsse. Opponiert von den Brandstifterinnen, die allein in diesem Stück aus Freiheit handeln können, beschwören diese den freien Willen: alles sei verhinderbar. Ironisch, hinterlistig fügt sich die Szene in dieses Bild, in der die zweite Brandstifterin ein erstes Mal im Haus des Biedermann auftaucht und es mit List schafft, sich einzunisten – beschwören sie doch den freien Willen und die Möglichkeit in Händen des Ehepaars Biedermann und ihrem Dienstmädchen, die Katastrophe abzuwenden. Doch gleichzeitig verhindern die Brandstifterinnen eben dies nur durch diejenige Brandstifterin, die sich zum Schein gegen die andere stellt, indem sie die andere dafür schimpft, den Biedermanns nichts von der neuen Untermieterin gesagt zu haben.

Von diesem Punkt an, ist das „Schicksal“ wirklich unabwendbar, selbst dem unerfahrenen Zuschauer, dem das Original nicht bekannt ist, wird hier die Rollenverteilung schlüssig.

Die Rolle des Biedermanns hat der Regisseur selbst übernommen nachdem die ursprüngliche Besetzung aufgrund eines tragischen Unfalls wegfiel. Körperlich anwesend ist er in den Szenen nicht, sein Bild flackert per Video-Einspielungen auf einer Leinwand, was die Präsenz seiner Person im Stück nicht schmälert. Man sieht ihn meist von hinten, in einem Sessel sitzend und Zeitung lesend, während er seine Phrasen, die sich oft wiederholen, spricht. „Ich bin kein Unmensch!“, der Satz, der ihn wohl am besten charakterisiert. In seinem unerschütterlichen, gutbürgerlichen Glauben holt er sich selbst die Brandstifter in sein Haus und versorgt sie. Selbst als er Benzin-Fässer auffindet, ist er nicht im Stande die letzte, zwingende Kausalität zu erkennen und zu handeln. Ein pikantes, überraschendes Detail: Obwohl es den Anschein erweckt, waren die Szenen von Biedermann nicht aufgenommen, vielmehr live im Nebenraum gefilmt und übertragen.

„Jedermann und die Brandstifterinnen“ ist letzten Endes ein Feuerwerk von Satire, versteckten Gags („Wer seid ihr, und wenn ja, wie viele?“ werden die Brandstifterinnen zu Beginn gefragt) und einer Adaption des Originals, die sich humorvoll und mit viel Witz an den Stoff macht. Selbst wenn man an manchen Stellen ohne Kenntnis des Textes etwas verwirrt ist, bleibt ein Gesamteindruck: Die Oberstufentheatergruppe beweist zum Abschied und Abitur brillant ihr Können mit einem „Finale Grande“, für das Herr Blum selbst die Bühne betritt: Imposant und wuchtig durchbricht er die papierne Wand – so gar nicht wie ein Jedermann.

Aus dem Programmheft: „Wir denken bei diesem Stück an Victor Gruber, der es mit geprägt hat und den wir immer in guter Erinnerung behalten werden.“

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller

  • Michael Blum

    Lieber Alex,
    schön, dass Du Zeit und Worte findest für das, was Du gesehen hast.
    Ich erkenne mich wieder.
    Schön.
    Danke.
    Liebe Grüße.
    Michael Blum