Mein Jahrgang

Ein essayistischer Rückblick

Dieser Text ist zuerst in der Abiturzeitung des diesjährigen Abiturjahrgangs am Carl-Orff-Gymnasium erschienen. Mit diesem Text begehe ich meine Schulzeit und möchte diese Zeit und den Teil dieses Blogs abschließen. Der Blog erhält demnächst unter anderem einen neuen Namen.

Der Großteil des Abiturjahrgangs ’13 wurde im September 2001 eingeschult. Genauer gesagt am 11. September. Dieser Tag, der für uns alle nicht mehr war als der Beginn einer nun formvollendeten Periode des Leidens, war neben der ersten Erfahrung von Schule aber auch ein Tag der ersten Erfahrung mit Terrorismus.

Niemand kann behaupten, dass er die Ereignisse, die uns in kühlen, distanzierten Fernsehbildern erreichten, damals völlig begriffen hat. Es war ein riesiges Gebäude, das zusammengestürzt war wie ein Legohaus. Und wie von einem Legohaus immer Teile zusammenhängend bestehen bleiben, sah man auch hier noch Teile. Grauer Staub ist mir in Erinnerung, der überall war. Auf den Menschen, auf den Autos, auf den Straßen, auf den verschmierten Objektiven der Kameras, die ihre Bilder einem globalen Publikum übermittelten.

Ich erinnere mich wie ich damals die Bilder einigermaßen teilnahmslos gesehen habe. Man sah kein direktes Leid, nur schockierte Menschen. Erst als austauschbare und unzählige Dokumentationen das Fernsehprogramm überfluteten, erst als dubiose Theorien auftauchten und ich die Zahl der Todesopfer begriff, empfand ich Abscheu und Mitleid, vor allen gegenüber den gestorbenen Feuerwehrmännern.

Wir sind die Generation, die zu zweit auf die Toilette geht, aus Angst vor Vergewaltigung in der Schule. Wir kennen Flugzeugkontrollen nicht anders, als dass wir automatisiert Gürtel, Schuhe und sonstiges ablegen, fein säuberlich röntgen lassen, um dann bestätigt zu bekommen, dass wir keine terroristischen Absichten haben. Wir sind diejenigen, die weiterhin vor einer Einreise in die USA bestätigen müssen, dass wir nie etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten.

Wir leben so sicher wie nie in einer Umgebung und vor allem einer Welt, die wie nie von einer konstanten Unsicherheit dominiert wird.

Mit Ende des Ost-West-Konflikts sind Kapazitäten frei geworden, die sich seitdem in den zahllosen lokalen Konflikten widerspiegeln. Die Welt ist sogar noch unsicherer als während dem kalten Krieg, weil diese gewisse Spannung vieles zurückgehalten hat, was danach hervorgebrochen ist. Der Tod Osama bin Ladens verändert nichts, bis auf die Ausradierung einer Person, die den Nationalstolz der Amerikaner aufs tiefste verletzt hat.

Für unsere Generation wird es schwer sein, sich in einer derartig diversifizierten Gesellschaft zu positionieren. Es gibt keine einheitliche Jugendkultur mehr. Worüber definiert man sich hier noch? – Die Folgen sehen wir täglich: Wo es kein dafür gibt, gibt es auch kein dagegen. Gegenüber Politik und Engagement ist man zu einer Abwehrhaltung über gegangen: Es greift eben nicht die These, dass man resigniert vor der eigenen Machtlosigkeit – man könne eben nichts verändern -, sondern es sind die fehlenden Überzeugungen, für die man etwas verändern wollen würde. Der »Marsch durch die Institutionen« ist vollzogen, man hat es jedoch nicht geschafft ein Stück Gedankengut an die jüngste Generation zu übergeben.

»Demokratie ist toll!« ruft es auch aus der hintersten Ecke. Die »Ur-Erfahrung« (Nietzsche) von Demokratie hingegen ist verloren gegangen. Die hohe Quote an Nichtwählern generiert sich nicht aus dem Gedanken, dass die eigene Stimme nichts wert sei, sondern wiederum vielmehr daraus, dass die Parteien auf den ersten Blick recht ähnliche Dinge anbieten. FDP, CDU/CSU, SPD und Grüne überschneiden sich in Gesichtspunkten, die das tägliche Leben – und nicht eher zukünftige oder idealistische Entscheidungen: Euro-Krise, Energiewende – betreffen. Es fehlt eine Grundhaltung der eigenen Existenz aus der sich eine Entscheidung entwickeln könnte, wen es zu wählen gilt.

Aus dem familiären Milieu können Anreize für eine Grundhaltung nicht kommen. Der jugendliche Charakter, das ist ein Naturgesetz, steht dem elterlichen Rat stets skeptisch und misstrauensvoll gegenüber. Ein immer noch problematisches, aber dennoch leichteres Spiel hat die Schule bei der Vermittlung dessen. Es ist eine der Hauptaufgaben der Schule und damit des Gymnasiums, die Schüler auch und vor allem diesbezüglich zu bilden.

In meiner Zeit am COG habe ich beides erlebt: Lehrer, die sich selbst nicht positioniert wussten und solche, die es geschafft haben über die Vermittlung von Wissen hinaus anzuregen, selbst zu denken. Der Deutschunterricht in der 10. ist ein wundervoller Ort, den Funken überspringen zu lassen: Die Aufklärung (im Englischen heißt sie nicht zu Unrecht »Enlightment«) – Philosophie, Ästhetik, Klassik, Romantik, … Poesie. Es ist nicht schwer, junge Leute hierfür zu begeistern. Aber ohne eigenen Zugang – oder besser: Begeisterung – gelingt es nicht. Für viele von uns in der Qualifikationsstufe sind Literaturstudien und philosophische Betrachtungen im Deutschunterricht grauenhaft.

Karl Heinz Bohrer schreibt in seinem Roman »Granatsplitter« – der nicht Autobiographie, sondern »Phantasie einer Jugend« ist – über die Faszination und Ästhetik. So sollten Lehrer sein wie jener Griechischlehrer: »Dieser Mann brachte ihm zum ersten Mal eine Ahnung davon bei, dass Dichtung nicht nur aus einem Inhalt, nicht nur aus Ideen bestand, sondern aus besonderen Wörtern.«

Es ist die stete Wachsamkeit, die erweckt wird dafür, was geschieht und »was die Welt im Inneren zusammenhält«. Der Physiklehrer merkt an, es wäre die starke Wechselwirkung, die Elementar-Teilchen mittels Gluonen aneinander bindet, der katholische Religionslehrer führt die Existenz auf einen Gott zurück, der transzendiert und liebend ist – der atheistische Ethiklehrer schüttelt dabei nur den Kopf -, der Biologielehrer verweist auf Darwin und seine Evolutionslehre – wer hat nun recht? Wem kann ich uneingeschränkt vertrauen?

Wohl niemandem. Den Theorien sei Karl Popper entgegen gehalten, den religiösen Ansätzen klebt eine ewige Ungewissheit an (eben das, was Glauben ausmacht). Ich muss mich trotz allem Wissen selbst entscheiden, was für mich zählt, wie ich das Wissen positioniere und einordne, was ich wie für mich persönlich geltend mache. Das Gymnasium ist als die höchste schulische Bildungsstätte der Ort an dem dieser Reifeprozess einsetzen müsste. Das ist nicht immer leicht, die Zeit wird stetig verkürzt (G8) und der Lehrplan gekürzt bzw. verdichtet.

Das Ziel, das dem Gymnasium eigentlich vorsteht, ist die umfassende und vertiefte Bildung, die für das Studium qualifiziert. Was ich wahrnehme ist eine Verschiebung zugunsten einer spezialisierten, einseitig auf den Berufsalltag ausgerichteten Ausbildung. Diese Entwicklung ist multilateral: Sowohl durch zum Beispiel das P-Seminar, welches auf projektorientiertes Arbeiten vorbereiten will, und die verkürzte Schulzeit des G8, als auch die zunehmende Bequemlichkeit der Schüler (»Wofür brauche ich das später mal?«). Doch das Gymnasium ist keine Berufs- oder Fachoberschule.

Alle, die wir jetzt Abitur haben, haben uns das Abitur verdient und erarbeitet. Was auch immer wir jetzt damit anfangen oder wozu wir es nützen, systemisch gesehen sind wir die Bildungselite.

Menschen, wie Erich Lejeune, begeistern da leicht: Mit Motivation kann ich jetzt alles erreichen, wenn ich nur ein klares Ziel habe und alles dafür tue, wird es mir gut ergehen – ich werde glücklich sein, da ich Erfolg habe, wobei Erfolg hier mit ausreichenden finanziellen Mitteln gleichzusetzen ist. Erfolg, das heißt A-Mannschaft im Fußball, das heißt Spitzenposition und Anerkennung im Beruf, das heißt ganz oben auf dem Siegertreppchen zu stehen und zu grinsen. Endlich kann man sagen: »Natürlich hab ich ein Boot.« Mit Dauergrinsen, Maßanzug und Einstecktuch plus Kameramann lädt man Vorbilder an die Schulen, auf dass wir alle so werden mögen. Wir können uns eben »super verkaufen«.

Da vergisst man leicht, dass es nicht allein Inhalt und Ideen sind, die das Gedicht, die Poesie ausmachen, es sind auch die besonderen Wörter. Der brutale Egoismus und die Egozentrik der Worte der Motivations-»Philosophen« zeigen ihre Schattenseiten erst dann, wenn man einen Schritt weiterdenkt – an weiter oben zurückdenkt: Wo stehe ich im Leben? Wem kann ich uneingeschränkt vertrauen? – Meinem Erfolg kann ich es nicht: die Mikroelektronikfirma, deren Verkauf Erich Lejeune reich gemacht hat, ist inzwischen pleite. Die 700 Kontakte, die sich regelmäßig in seinem Blackberry sammeln, muss er löschen, um Platz zu machen für neue. Ich selbst sehe die Motivationsphilosophie viel zu sehr als eine Art Optimierung des menschlichen Gewinnpotentials – nicht etwas, das mein Leben lebenswert gestaltet und mit einem Sinn ausstattet. Denn: Was bleibt am Ende für mich übrig? Wo findet mein Leben statt, wenn es allein auf Erfolg ausgerichtet ist, ich mich über Erfolg definiere – und was ist dann mit Liebe? Liebe sollte stets als Bedingung, eher Begründung der Menschlichkeit gesehen werden. Augustinus sagt „Liebe, und was du dann willst, tue.“

Raymond Carver beschreibt es im »Late Fragment«:

»And did you get
what you wanted from this life, even so?
I did.
And what did you want?
To call myself beloved, to feel myself beloved,
under the earth.«

 

Wir sind aus dem Gymnasium entlassene Erwachsene, die nun nach ihrem Platz im Leben streben. Und was immer es ist, was mir dabei Halt gibt (der Glaube an einen Gott, die Fürsorge des Umfelds, das eigene Gedankengut, die eigene Überzeugung), was immer es ist, was ich begehre (einen Beruf, Geborgenheit, materielle Güter) – ich werde die vergangenen acht Jahre nicht vergessen.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller