Meine Groupies

Als ich heute Abend von einem Wiesnbesuch bei strahlendem Sonnenschein zurückkam und gerade beginnen wollte, zu arbeiten, schrieben mich ein paar Freunde an. Sie wiesen mich auf folgenden Facebook-Post hin:

Inzwischen wurde der ursprüngliche Post gelöscht. Einige Zitate gibt es weiter unten nachzulesen. Die Namen habe ich inzwischen anonymisiert.

Die Vorgeschichte

Die Hanns Seidel Stiftung, deren Stipendiat ich mit Beginn des Wintersemesters sein werde, hat mich vor zwei Monaten gefragt, ob ich der Bildzeitung ein Interview geben wolle. Es ginge um eine Sonderausgabe zur Bundestagswahl  und sie wollten einen Abiturienten als Erstwähler interviewen. Ich habe das Angebot angenommen und in der Folge etwa zwanzig Minuten mit einem Redakteur telefoniert. Was von dem Gespräch geblieben ist, kann man in der Ausgabe nachlesen.

Was dann kam

Die Facebookseite „Katzenshizzlrecords“ fand, es wäre von Nöten ein Foto meines Beitrags auf ihrer Seite mit 8000 Likes zu teilen. In der Folge wurde ich beschimpft und es wurde sogar zu Gewalt gegenüber mir aufgerufen. Hier einige Auszüge:

“ jemand sollte ihn finden und prügeln ^^“ – N.N.

 

68 Menschen haben diesen Kommentar geliked.

Ein „Bastard“ bin ich laut N.N. N.N. gar findet es „traurig“, dass „jemand mit nem einser-abi [sic!]“ CSU wählt.

„….der beweis, das [sic!] schulische Intelligenz noch lange nicht heißt, das [sic!] jemand, der seinen Mund aufmacht auch etwas zu sagen hat“ – N.N.

N.N. wartet noch mit dem besonders geistreichen Kommentar „Ha! Gaayyyy!!!“ auf.

Normalerweise freue ich mich ja über so viel Aufmerksamkeit (auch für den Blog usheimer.de, der an diesem Tag mehr als zehnmal so viele Klicks wie sonst hatte) – hier ist meine Freude gedämpft.

Ja, ich bin selbst schuld…

…, dass ich der Bildzeitung ein Interview gegeben habe. Ich wusste, dass ich niemals völlig korrekt (der Sinn stimmt) zitiert werden würde oder aber eine voll umfassende, abwägende Darstellung bekommen würde.

Dennoch hab ich das Interview gegeben, warum? – Weil ich es interessant fand, die Erfahrung zu machen und mir dachte: was soll schon groß passieren? Ja, ja. Die böse, böse Bildzeitung usw. Mitnichten: Der Redakteur war nett und hat mich auch im Sinn richtig zitiert.

Toleranzaza

In unserer quietschfidelen, bunten, emanzipierten und gleichgestellten Gesellschaft läuft alles wunderbar, zeigt sich wiedermal. Jeder respektiert jeden aus Angst vor Rassismus, Chauvinismus oder Feminismus. Es gibt Aufschreie, wenn Herrenwitze gemacht werden.

Letztlich hat dies alles aber nicht dazu geführt, dass wir uns mit anderen Meinungen auseinandersetzen können. Manch einer verwendet lieber beleidigende Worte.

Ich habe mich übrigens auch sehr über den Kommentar von N.N. gefreut, der über mich verlautete: „Ist das ein Vollpfosten…“. 

Weiterhin kommentiert er selbst unter seinen Post:

„Stimmt die Grünen sind da wirklich ziemlich verbissen aber trotzdem ist die CDU bzw. CSU sehr spießig und grenzt die Freiheit der persönlichen Entfaltung schon ein.“

Bisher sehe ich bloß, wie versucht wird, die Meinungsfreiheit mit einem Versuch einer öffentlichen Bloßstellung meiner „großen Dummheit“ auf Facebook zu beschneiden.

Es bleibt, was es ist: Hass auf einen anderen Menschen, der eine andere Meinung hat. Einen Spießer, einen Deppen, einen bornierten Jungwähler, ein Abiturient, der doch nichts gelernt hat und von nichts eine Ahnung hat. Endlich hab ich es schwarz auf weiß: Ich bin ein Vollidiot.

Und ich bin es gerne.

„Ego sum, qui sum.“ – Exodus 3,14

 

Ich habe keinen der Beiträge gemeldet, da ich niemandem dieses Zeugnis kollektivem Hasses verweigern möchte.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller

  • wacky box

    Zunächst mal: jeder soll das wählen können was er/sie/es möchte. Was ich allerdings von Ihnen als sehr bedenklich finde, ist das Name Calling! Sicher, es ist Ihr gutes Recht sich aufzuregen wenn da solch unterirdische Comments kommen. Aber Sie sind an sich keinen Deut besser, da Sie die Namen öffentlich machen.

  • Alexander Kammerer

    Ich finde, diejenigen haben sich geäußert. Der Facebook-Post war öffentlich. Insofern habe ich nur zitiert.

    Ich verstehe, was Sie meinen. Deshalb werde ich die Namen auch anonymisieren. Es bietet keinen Mehrwert, die Namen noch länger hier stehen zu lassen.

    • Raoul

      (…) und [ich] dachte: was soll schon groß passieren? Ja, ja. Die böse, böse Bildzeitung usw. Mitnichten: Der Redakteur war nett (…)

      Das ist er sicherlich auch zu Menschen gewesen, die er anschließend durch aufgebauschte Fehlinformationen in Lebenskrisen getrieben hat. Schließlich hätte er vermutlich deutlich weniger verwendbare Zitate bekommen, hätte er von vornherein gesagt: „Sehr geehrter Herr X, wir hätten gerne von ihnen gewusst, welche Partei sie warum wählen. In folgender Reihenfolge werden wir sie als exzellenten bis miserablen Menschen darstellen: CDU, FDP, SPD, Grüne, AFD, dann kommt das ganze Kleinparteiengesindel wie Piraten, dann die Linke“.