Rassismus! Bürger, erwachet!

Eine Geschichte über Lesekompetenz und Widerstand.

Im Lohhofer Anzeiger vom 09.11.2013 findet man gleich drei Leserbriefe, die sich auf einen anderen beziehen. Es wird davon gesprochen, wie ausländerfeindlich und schrecklich die Äußerungen von Matthias Tietz gewesen wären.

Christian Grolms findet es “beschämend”, Markus Neumann “kann es kaum fassen” und Werner Weber ist “entsetzt”. Er fordert sogar bessere Aufklärung in den Schulen.

Die Vorgeschichte

Aber was war nun wirklich passiert? Welche grauenhaften Dinge hat Matthias Tietz gesagt?

Im Grunde keine. Er sprach davon, dass er in letzter Zeit in seiner Nachbarschaft regelmäßig eine große Gruppe von schwarzafrikanischen Männern gesehen hätte. Nun sind Gruppen von 10-20 Männern, die sich im gemeinsamen Trott bewegen — und das regelmäßig — kein Normalzustand. Er spricht davon, dass seine Kinder etwas ängstlich gegenüber den anders aussehenden Männern gewesen wären. Insofern hat er einmal bei der Stadt Unterschleißheim nachgefragt: Die gaben auch Auskunft. Das wären Asylantragsteller, die dort in der Nähe untergebracht wären.

Soweit, so gut. Alles, was Herr Tietz dann noch fordert, war eine vorherige Information der Stadt Unterschleißheim darüber, dass hier Asylbewerber leben. — Das allein kann ja nicht verwerflich sein. Man möchte seine Nachbarn eben kennen.

Was die Gemüter der Hüter der Moral und der Sitten jedoch aufgebracht haben muss, war das Wörtchen “Angst”.

Herr Tietz ist kein Rassist.

„Wenn ständig so große Gruppen von jungen Männern auftreten, entwickelt sich bei vielen ein nicht unberechtigtes Angstgefühl. Angst ist im Gegenteil zur Furcht oft unbegründet.“

Der erste Satz mag auf den ersten Blick den Anschein geben, Herr Tietz fühle sich durch die Anwesenheit bedroht. Allerdings ist das Gegenteil der Fall. Der zweite Satz macht klar, was Herr Tietz sagen möchte: Er hätte gerne vorher bescheid gewusst. Denn, wie er richtig anmerkt, hilft gegen Angst oder gegen Vorurteil am besten Aufklärung und Information.

Hätten die Leserbriefschreiber seinen Text aufmerksam und reflektiert gelesen, so wären sie zu einem ähnlichen Schluss gekommen.

Worum es wirklich geht.

Den Verfassern geht es bei ihren Briefen nicht um die Asylbewerber. Nur einer bezieht sich darauf, dass es glücklicherweise auch Menschen gäbe, die mit ehrenamtlichen Engagement helfen, sie besser in die Gesellschaft einzubinden.

Heute, am 09.11.2013 — dem Tag der deutschen Geschichte — geht es um viel mehr.

„Je länger das Dritte Reich tot ist, umso stärker wird der Widerstand gegen Hitler und die Seinen. — Johannes Gross (1932-1999)“

Es scheint eine nationale Pflicht zu sein, beim kleinsten Anzeichen von “Rassismus” (Sind “Schwarzafrikaner” eine Rasse?) dem sofort Paroli zu bieten und aufs heftigste zu reagieren. Dass hierbei häufig die Vernunft auf der Strecke bleibt und man übers Ziel hinausschießt, wird nicht klar.

Matthias Tietz ist ein Opfer dieses Aktionismus. Es genügt, in einem Artikel im Lohhofer Anzeiger die Worte “Asylbewerber”, “Angst” und “Schwarzafrikaner” zu lesen, schon regt sich die Moral in vielen.

Ausschwitz soll restauriert werden, dafür steuert Deutschland jetzt 60 Millionen Euro bei, nachdem es unsere Vorfahren errichtet haben. Die USA und Israel zahlen wegen einem Streit um die Anerkennung Palästinas keine Beiträge mehr an die UNESCO und jemand schreibt (dieser und weitere Kommentare):

„Ich glaube das viele Juden die damals in KZ’s umgekommen sind sich im Grabe drehen würden …(wenn man das so sagen kann/darf, ich glaube die Message kommt an) …wenn sie sehen würden wie Millionen von Palästinensern behandelt wurden und werden.“

Wie zynisch und grauenhaft das ist, scheint dem Verfasser nicht in den Sinn zu kommen. Generell zählen lebende Juden weniger als tote. — Es gibt nur ein Credo: Nie wieder.

Ich lehne dankend ab.

All die Appelle, all die Ratschläge und Winke mit dem Zeigefinger, die man im Lohhofer Anzeiger lesen kann: Ich lehne dankend ab.

Ich kann es schlicht nicht gut heißen, Ausschwitz wieder aufzubauen oder zu erhalten. Ich bin niemand, der sagt, dass die USA keine Kultur hätte. Ich sehe Israel nicht als Besatzungsmacht und den Gazastreifen niemals als modernes “Konzentrationslager”. Ich finde den Kommentar von Matthias Tietz verständlich. Ich kann nichts mit der Moral der Aktionisten anfangen.

Mich macht das alles bloß traurig.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: „Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung“ – Friedrich Schiller

  • Tietz, Matthias

    Hallo Herr Kammerer,

    danke für den Artikel vom 09.11.2013. Sie sind einer der wenigen, die meinen Artikel verstanden haben und haben dies sehr gut erläutert. Andere haben dieses zwar auch verstanden, jedoch trauten sie es sich nicht dieses öffentlich zu schreiben. Sie hatten Angst in die „rechte Ecke“ gestellt zu werden.

    Als Leserbrief im Lohhofer und Lankreis Anzeiger wollten Sie es wohl aus diesem Grund auch nicht veröffentlichen lassen?

    Mit freundlichen Grüßen

    Tietz, Matthias