Roman Grafe – Zeitzeuge am COG

„Ist der Typ nicht zu jung für ’nen Zeitzeugen?!“
– Schüler

Nein – das ist er definitiv nicht. Mit 43 Jahren gehört Roman Grafe zwar zu den jüngeren Zeitgenossen, dennoch bedeutet dies nicht zwangsläufig eine Armut an Erfahrungen.

Roman Grafe ist Autor, Filmemacher und Journalist. Er ist in der DDR aufgewachsen und vor dem Mauerfall ausgereist. Er hat viel über die DDR recherchiert und sogar ein Buch darüber geschrieben: „Deutsche Gerechtigkeit – Prozesse gegen DDR-Grenzschützen und ihre Befehlsgeber“. Als Herausgeber fungiert er für das Buch „Die Schuld der Mitläufer. Anpassen oder Widerstehen in der DDR“, das Texte von Wolf Biermann und anderen Autoren enthält.

Das Leben der Anderen

„Das Lügenmärchen vom guten Stasimann“
– Roman Grafe

Roman Grafe hat in vielen Positionen eine Meinung, die sich stark vom „Mainstream“ abhebt. An einen „guten Stasimann“, so propagiert im Film „Das Leben der Anderen“, glaubt er nicht. Seine eigenen Erinnerungen überwiegen sehr stark. Ähnlich Angelika Klüssendorf in ihrem neuen Buch „Das Mädchen“ entzaubert er DDR-Mythen. Dabei bleibt er nicht nur bei diesem Film, auch die Kindererziehung mit den Krippenplätzen hinterfragt er kritisch. Er spricht von der „Hasserziehung“, wie es im Erzieher-Jargon hieß – der gezielten Erziehung zum Hass auf den „Klassenfeind“. Kinder mussten Panzer malen, die sie dann öffentlichkeitswirksam zu Ehrentagen für Soldaten diesen schenkten. Er fragt immer wieder die Schüler nach bekannten „Ost-Autoren“ – nur wenige haben selbst nur einen Namen einmal gehört. Deshalb empfiehlt er den Poet Reiner Kunze mit „Die wunderbaren Jahre“ und auch Wolf Biermann. Er möchte wissen, was an Wissen da ist, was die Schüler schon gelernt haben und wie sie die DDR aus heutiger Sicht sehen.

„Es war nicht alles schlecht – aber es wird verdrängt, dass auch nicht alles gut war.“ – Roman Grafe

Roman Grafe hat eine scharf gezeichnetes Bild von der DDR – womöglich so genau, wie es ein Außenstehender nie haben wird. Er kann auf einen riesigen Schatz an Quellen zurückgreifen. Wenn er anfängt davon zu sprechen, wie ein Studiumsplatz verteilt wurde, wird man nachdenklich. Viele bekannte Journalisten ordneten sich dem Regime unter um gefördert zu werden. So zum Beispiel Maybrit Illner. Sie studierte an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Journalistik. Er sieht diese Leute kritisch – schließlich haben sie sich dafür entschieden zu schweigen, sich mit dem Regime zu arrangieren und sind letztendlich somit erfolgreicher gefahren.
Man merkt, dass diese Tatsache ihn beschäftigt, ihn kaum kaltlässt – er möchte, dass auch wir kritisch reflektieren.

Seine DDR-Erinnerungen sind weitgehend von seiner Schulzeit geprägt.

„Bautzen – da wusste jeder 8. Klässler was gemeint war. Also nicht Spreewaldgurken.“ – Roman Grafe

Es wirkt so, als hätte er ein ganzheitliches DDR-Bild. Bei der Arbeitswelt spricht er von unwürdigen Arbeitsbedingungen und die Arbeit mit Maschinen aus dem 19. Jahrhundert. Er berichtet von seinen eigenen Jobs, die er erhielt nachdem er einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Es waren Jobs wie Kinokartenverkäufer, dort arbeiteten einige weitere Antragssteller auf Ausreise – durchaus durch die DDR-Regierung beabsichtigt. Oppositionelle arbeiteten nicht selten als Friedhofsgärtner – folglich in Jobs, die eher weniger geschätzt sind. Eine weitere Form der „Zersetzungsmaßnahmen“. Diese sollten Leuten psychischen Schaden zufügen, die durch ihre Bekanntheit z.B. in der Weltöffentlichkeit nie belangt werden konnten – z.B. viele Künstler und Schriftsteller und auch Wolf Biermann. Politische Gefangene wurden dann später in vielen Fällen an die BRD verkauft – für 40.000 bis 90.000 Mark.

„Die Schuld der Mitläufer“

„Die Schuld der Mitläufer“ – so heißt ein von Roman Grafe herausgegebenes Sammelband an Texten von DDR-Bewohnern.

„Ich wusste für eine Mauer gibt es eine Leiter, für eine große Mauer, eine große Leiter – das Problem sind die, die da stehen und schießen.“ – Roman Grafe

Roman Grafe hat eine klare Linie: Auch Mitläufer sind schuldig. Wenn er darüber spricht, wie heute noch Täter von damals in Institutionen tätig sind, bemerkt man klar seine Verärgerung hierüber. Er spricht davon, wie ein DDR-Bürger über zwei Jahre hinaus ein Flugzeug zur Flucht baute und dann am letzten Tag vor der Flucht von einem Nachbarn verraten wurde, wie Erich Mielke (damaliger Minister für Staatssicherheit) dieses (flugfähige!) Gefährt in seine Trophäensammlung aufnahm.
Auf die Frage aus dem Publikum, was denn heute mit der damaligen Obrigkeit geschehen sei, antwortet er, dass viele aus der SED und dem Politbüro zu Zeiten des Mauerfalls schon fast im Rentenalter waren. Die früher beschlossene Rentenkürzung für solche Funktionäre aus Politik, aber auch aus dem Militär (Strafrente) wurde aber wieder gekappt. So erhalten SED-Funktionäre und hohe Militärs eine, wie er sie betitelte, „Luxusrente“, welche teilweise doppelt so hoch sei, als die der BRD-Pendants. Die Täter seien einfach „durchmarschiert“.

Ein prominentes Beispiel ist Sven Hüber, der Hauptpersonalrats-Vorsitzende der Bundespolizei. Roman Grafe berichtete in seinem Buch „Deutsche Gerechtigkeit“ von ihm, der vorher als Politoffizier in der DDR tätig war, ein „Einpeitscher“, wie Grafe ihn nennt. Sein Sinn und Zweck war die Grenzsoldaten davon zu überzeugen, dass sie auf der richtigen Seite sind und die „Republikflüchtlinge“ auf der falschen. Daraufhin klagt Hüber gegen ihn und viele bekannte Zeitungen (wie die Süddeutsche) gegen eine Nennung von ihm – er beruft sich auf sein Anonymitätsrecht. Letztendlich wird die einstweilige Verfügung aufgehoben und das Buch darf veröffentlicht werden – ein Sieg für die Meinungsfreiheit.

Aber es gibt auch andere Fälle. Die BILD-Zeitung klagte auf die Herausgabe der Namen von 12 Richtern in Brandenburg, die in der DDR mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammenarbeiteten – und scheiterte. Die Persönlichkeitsrechte der Richter seien höher einzuschätzen als das Interesse der Öffentlichkeit.

„Und dann hat der Klassenfeind die schönen Sachen ausgepackt.“ – Roman Grafe

So umschreibt Grafe seine Einstellung gegenüber der DDR-Propaganda. Er selbst entschied sich für die Ausreise – aber es gab auch andere Entscheidungen. Folgende Unterhaltung fand zwischen ihm und einem seiner Bekannten während eines Skiurlaubs statt.

„Dirk du kannst doch nicht zu den Grenztruppen gehen, du weißt doch, was du da machen sollst!“ – „Der Neger muss ja nicht bei mir durchlaufen!“ – so der Bekannte

Neger ist Jargon für „Grenzgänger“.

Roman Grafe echauffiert sich über die Klientelpolitik der Nachfolgerpartei der SED, nämlich der Linken. Er sieht bei ihr einen Teil der Schuld dafür, dass viele Grenzschützen und Befehlsgeber freigesprochen wurden, er ist der Meinung, dass sie die Angst vor einer „Siegerjustiz“ geschürt hat. Das ist nüchtern betrachtet auch richtig. Für die über 1000 Tötungen an der DDR-Grenze wurden nur zwei Dutzend Vorgesetzte zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt und sieben Schützen.

Er ist ein Grund dafür, dass sich junge Menschen wieder mit dem Thema DDR auseinandersetzen und auch die Gegenwart nicht außer Acht lassen. Roman Grafe hat eine starke Meinung zum Thema DDR – bei einem Blick auf seine Lebensgeschichte ist dies aber auch absolut notwendig.

Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Roman_Grafe
„Deutsche Gerechtigkeit“: http://www.amazon.de/Deutsche-Gerechtigkeit-Prozesse-DDR-Grenzsch%C3%BCtzen-Befehlsgeber/dp/388680819X

 

 

 

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller