The Black Keys – Die hohen Lieder der Liebe

Nach vielen Wochen und Monaten habe ich es vergangene Woche nun endlich getan: ich habe mir euphorisiert sowohl El Camino als auch Turn Blue von – The Only One – den Black Keys gekauft. Natürlich habe ich diese Entscheidung des Herzens bisher nicht bereut. Dafür höre ich seit dem Kauf (fast) nichts anderes mehr als die Black Keys: Mystery is what this is to me. You are the only one.

Jedes Black Keys Album hat etwas ganz Eigenes. Während man am Anfang mit Rubber Factory noch stark experimentiert, ist die Band in Magic Portion merklich gereift. „Just Got To Be“ ist immer noch geprägt vom harten, natürlichen Sound und von Gitarrenriffs. Etwas, das die Band in allen Alben beibehalten wird. Wenn etwas für die Black Keys steht, dann die ins Ohr gehenden Gitarren-Riffs, die ein sofortiger Ohrwurm sind. (Ob jetzt „Your Touch“ oder viel später „Turn Blue“.)

Viele Texte handeln von der Liebe und dem Scheitern an ihr. Auf Attack & Release findet sich „Lies“. Es geht um eine traumhafte Liebe („You said the moon was ours“), die jäh zerstört ist („And nothing I do will make you love me“) und die im Leben des Sängers nichts für ihn mehr zurück lässt außer der Flucht. Sie verkrüppelt sein Herz („I got a stone where my heart should be“). All die Liebesgeständnisse („It would hurt me too bad if you said goodbye“)? Lies. Komplettiert ist dieses Motiv durch „Things Ain’t Like They Used To Be“. Auch hier ist es die zerbrochene Liebe, das Einsammeln des Scherbenhaufens. Wieder ist die Melodie melancholisch, dunkel, sehr schleppend und traurig, aber nie schmalzig. Wenn Dan Auerbach „It doesn’t mean a thing to me“ singt, dann tut er das mit so viel Gefühl in der Stimme, dass man den Schmerz fast mitfühlen kann. Und die Krux? „She’s got the kind of love I need / The kind that’s never good on me“. An dieser Beziehung muss man scheitern, das Gelingen ist keine Möglichkeit. Zu Ende bleibt die Einsicht, Things Ain’t Like They Used To Be.

Die Entwicklung der Black Keys ist nicht stringent. In Attack & Release lässt man das Album mit „All You Ever Wanted“ beginnen, das so ganz kontrastreich ist: langsam und fast ruhig. Lange währt das natürlich nicht, mit „I Got Mine“ ist man zurück beim harten Sound. Dennoch: „I was a moving man in my younger days / But I have grown out of my Rambling ways“. Wer möchte nicht zu dieser Melodie, diese Musik im Ohr durch die nächtlichen Straßen einer Großstadt mit allen ihren Lichtern, ihren dunklen Stellen und ihrem Leben streifen, in dem man sich fast verlieren möchte? Aber auch hier, „You just got to be / The best thing for me”, wie schreibt Goethe? „Eine Welt zwar bist du, o Rom, doch ohne die Liebe / Wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom.“

Man hat sich nach diesem Album gefunden. Und das soll sich bestätigen. Brothers ist ein wunderschönes Album, im Stile von „All You Ever Wanted“, aber El Camino ist dann bloß ein Jahr später wieder gewohnt cool (faszinierend, wie produktiv Dan Auerbach und Patrick Carney sind).

Der Rhythmus, Beat und die Akustik am Anfang von „Everlasting Light“ lassen auf ein grandioses Album hoffen. So traurig „Things Ain’t Like They Used To Be“ ist, so hoffnungsvoll oder ironisch kann man „Next Girl“ lesen. Ist es nun das Eingeständnis der eigenen Fehler, die zweite Chance? Oder ist es bloß die erneut gescheiterte Beziehung und das Darüber Hinwegtäuschen – eben die Aussage: „Oh my next girl / Yeah / My next girl“?

Liebe kann auch in Obsession umschwenken. Sie kann zum einzigen Ziel und alleinigen, sich selbst perpetuierenden Sinn im Leben werden, wie in „Too Afraid To Love You“. Man sieht sich selbst als Existenz gescheitert, wenn man nicht geliebt wird oder sich zu schwach fühlt, den ersten Schritt zu tun: „I am just one wishing / That I was a pair / With someone / Oh somewhere“.

Das Album ist voll von guten und grandiosen Songs. Ist es nun die Nostalgie und Reflexion („Would I change my ways?“) von „These Days“ (ja, wie müssen diese Tage gewesen sein, wenn man so von ihnen singen kann?), die Geschichte in „Unknown Brother“ oder die Coolness von „She’s Long Gone“ („like Moses through the corn“), die der Höhepunkt des Albums sind?

Wie kann man so ein Werk nun überhaupt noch toppen? Zwei Songs: „Lonely Boy“ und „Gold On The Ceiling“. Der Rhythmus von „Lonely Boy“, der den Sänger vor sich hintreibt, der ganz ohne Selbstmitleid in der Stimme von der eigenen Einsamkeit und dem Warten auf seine Liebe spricht. Daneben ist der harte Gitarrenklang von „Gold On The Ceiling“ zu sehen, der den Text rahmt, der vom Triumph und dessen Trophäen spricht. Wie geht man mit (materiellem) Erfolg um?

Die Musik kennt nur eins: noch besser. Noch stärkere Texte und noch mitreißendere Melodien. Das neuste Album Turn Blue wird eröffnet mit „Weight Of Love“, einem Epos aus vergangener Liebe und schwermütigen Einsichten, eben dem Gewicht der Liebe. Die meisten Songs des Albums sind stark beeinflusst von Dan Auerbachs Scheidung. Wie auch das Herzstück des Albums „Turn Blue“. Es umfasst alle Motive: das Ersticken an der Schwere des Lebens („But I still carry the weight like I’ve always done before”), die Warnung („I really don’t think you know / There could be hell below“), das Ende einer Liebe, der plumpe Versuch, den Schmerz mit Alkohol zu übertünchen („In the dead of the night I stop to lose control“) und die Nostalgie („Like a dream I had before my world turned blue“). Turn Blue steht für den Wandel im Leben. Wie atemlos das Leben der Künstler ist, so atemlos sind auch ihre Alben.

Umso genialer ist es, auf so ein Lied etwas wie „Fever“ folgen zu lassen: Laut, gewaltig und stark in der Stimme verzerrt. Aber auch hier ist „Turn Blue“ präsent: das Ich in Fever ist dysfunktional („Show me how to live again“) und angestrengt. In „Year In Review“ wird das ebenfalls sehr klar. Man lässt das vergangene Jahr Revue passieren, man erkennt seine Fehler („Why you always love the ones who hurt you?“), wiederholt sie aber Jahr für Jahr. Das „Leave it alone“ ist fast wie eine Anklage gesungen, ein starker Wunsch an sich selbst. Man will nicht noch einmal dran zerbrechen. Es ist eine bittere Erkenntnis, mit der der Song schließt: „The only thing you’ve got is you“.

Am Schluss des Albums steht nochmal ein sehr starker Song: „10 Lovers“. Es handelt sich um das (bevorstehende?) Ende einer Beziehung. Im Refrain wird noch besungen, wie man bei der nächsten Krise sich nicht mehr bloß verbiegen, sondern daran zerbrechen wird. Im Vers darauf ist man chronologisch aber schon weiter. Von Vater zu Tochter wird erklärt, wie die nächste Liebe ewig halten werden muss – man verkraftet ein weiteres Scheitern schlicht nicht. Der (siebte) Himmel, in dem sich Verliebte häufig befinden, fühlt sich weit entfernt an. Man hat sich nichts mehr zu sagen. Am Ende wird klar, an wen die Botschaft gerichtet ist: „She had another dream that her mama’s gone / She’s alright, but you’re all wrong“.

Es lässt sich aus jedem Album der Gemütszustand von Dan Auerbach bzw. von Patrick Carney ablesen. Liebe ist nie als etwas stark Romantisches dargestellt, sondern mehr als eine Klinge ohne Griff, an der man sich verletzen muss, wenn man sie anfasst. Was aber nicht heißt, dass sich das Wagnis nicht lohnt – „She’s not made like those other girls“. Es gilt sie lediglich zu finden, bevor man sagen muss: „She’s long gone“.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller