Überraschungsgast am COG: David Guterson

Als ich am Donnerstag gegen 7:45 in die Schule kam, war ich überrascht, als ich schon von mir entgegenkommenden Mitschülern in den Bewegungsraum der Mensa geleitet wurde. Gut, eine Raumänderung, Alltag für Schüler: Falsch gedacht! Innerhalb von zwei Tagen hatte Frau Schmid über das Amerikanische Konsulat in München ein Gespräch mit dem Autor David Guterson organisiert. Ein Überraschungsgast, sozusagen.

Der 1957 in Seattle geborene Autor und Lehrer David Guterson wollte auf seiner Deutschlandtour im Zuge seines neuen Romans „Ed King“ sprichwörtlich auch das Land und die Leute besser kennenlernen. Guterson charakterisiert sich dabei nicht als ein klassischer Autor, vielmehr als „a person who writes“. Für ihn steht also klar der menschliche Aspekt eines Autors im Vordergrund. Literarische Stilmittel oder Handwerkszeug seien für ihn nur „a bag of tricks“. Den Schülern gab er den Rat mit auf den Weg: „Always be alive to other people in life“. Man solle lebendig sein, den Menschen zuhören und viel von dem Leben anderer mitbekommen, quasi mit offenen Augen und Ohren durch das Leben gehen.

In seinem neuen Roman „Ed King“ geht es hierbei um einen Versicherungsmathematiker als Familienvater, der als er das Au-pair seiner Kinder schwängert, sich selbst und die Familie in eine Tragödie stürzt. Der Autor spielt dabei mit dem Motiv des antiken Ödipus in einer modernen Welt und dem „American Dream“.

„My Deutsch is awful.“ – David Guterson

Die gesamte Konversation der Schüler mit dem Autor wurde auf Englisch geführt. Herr Guterson sucht dabei den Kontakt mit deutschen Schülern, da ihm bisher eine Erfahrung fehlt. „I want to speak with – not to – with people“, sagt er selbst. Er fokussiert sich dabei nicht auf seinen eigenen literarischen Werken, er möchte etwas über die Kultur und „die Deutschen“ im Generellen erfahren. Den Einstieg bietet hierbei die Frage nach den Zukunftsplänen der Schüler. Dabei wirft er auch in den Raum, dass wir die „Millenium generation“ wären – in Amerika gilt diese Generation als eine der Idealisten, die die Welt verändern wollen. Als man später auf das Thema Energiewende und Atomkraft zusprechen kommt, fragt er zunächst nach unserer Meinung hierzu. Als sich herauskristallisiert, dass die meisten für neue Technologien und Lösungen sind, fragt er gezielt nach denjenigen, die in Zukunft solche Technologien entwickeln wollen. – Abgesehen davon, dass man nicht derartige Entscheidungen schlecht selbst trifft, bemerkt man, dass dies eigentlich niemand vorhat.

David Guterson fragt nach der Einstellung gegenüber dem „Wählengehen“, dem Schulsystem, der Integration und den Plänen. Es entwickelt sich ein entspanntes, anregendes Gespräch über kulturelle Grenzen hinaus. Allein bei der polarisierenden Frage der „gun control“ (zu Deutsch: Waffenrecht) werden die kulturellen Differenzen klar. Die Meinung Herr Gutersons, als Amerikaner klar vom „Second Amendment“ geprägt, welches das Recht statuiert, Waffen tragen und nutzen zu dürfen, trifft hierbei auf die vom geltenden deutschen Recht geprägte Meinung der deutschen Schüler. Für Herrn Guterson gibt es hierbei aber keine richtige Antwort („What’s the right answer?“). Selbstverteidigung steht der Prävention vor Missbrauch gegenüber. Das Problem sei aber, dass in Amerika jeder, der eine Straftat plant, eine Waffe habe. Ein Teufelskreis, da man zum Selbstschutz eine Waffe benötigt, dabei aber wiederum Kriminellen Möglichkeiten eröffnet, vor denen man sich wiederum schützen wolle.

Ein anderes Thema war auch die aktuelle politische Situation. Für David Guterson war die Wahl von Barack Obama als erster afroamerikanischer Präsident Amerikas „a great moment in history“. Die Problematik der Rassen war in Amerika lange Zeit präsent. Auch entgegen der Prinzipien der amerikanischen Verfassung: „We hold these truths to be self-evident that all men are created equal“, was Martin Luther King schon anprangerte und dafür erschossen wurde. Letztlich war es aber ein langer Weg von der Sklaverei, über den Bürgerkrieg wegen dem Verbot der Sklaverei bis hin zu dem Motto der Südstaaten „seperated but equal“ und den Gräueltaten des Ku Klux Klans. Die Gesetze änderten sich, aber das Denken der Leute nicht. Und nun wurde 2008 mit der Wahl Obamas eines klar: „It’s possible.“ Auch das Drama des 9/11 scheint langsam überwunden werden zu können: „transition happended“. Ein Wandel hat sich vollzogen.

Frau Karg stellte klar, dass für viele Deutsche die Politiker der Republikaner im Grunde keine Politiker sein („not serious politicians“). Obwohl David Guterson eigener Aussage nach hierbei nicht repräsentativ sei, da er als Westamerikaner kein „wirklicher“ Amerikaner sei, versuchte er es dennoch zu erklären. Er stellte zu Anfang einmal zwei Rivalen bezüglich des Präsidentschaftskandidaten der Republikaner vor. Rick Santorum stellt für ihn den absolut konservativen Politiker dar, der außernpolitisch für ein aggressives und dominantes Amerika steht und gleichzeitig innenpolitisch gegen die Abtreibung ist. Mitt Romney  ist ein wenig liberaler. Romney versuche nur konservativer zu wirken, um Stimmen der Republikaner zu erhalten, falls er der Präsidentschaftskandidat werde, werde er wohl von seiner harten Linie abrücken. Für Amerikaner könnten aber durchaus beide, Santorum und Romney, Präsidenten werden. Gleichzeitig müsse man aber auch bedenken, dass die Chancen dafür, dass Obama nicht ein weiteres mal Präsident wird, sehr gering seien. Der Wirtschaft gehe es gut, die Arbeitslosenquote sei niedrig. – Ein Grund, warum die Republikaner viele ihrer seriöseren Kandidaten für 2016 aufsparen würden. Dann dürfe Obama kein weiteres Mal kandidieren.

Zuletzt kam man noch auf das Thema des „American Dream“ zu sprechen. Für ihn inspiriert sich dieser Traum klar aus der Geschichte Amerikas. Die Einwanderer kamen hierher, weil sie daran glaubten. An ein Ziel, an Amerika glaubten. So ist für ihn der „American Dream“ eine romantisierende Form des Lebens. In Europa gibt es eine Geschichte der Bevormundung bzw. des Absolutismus – und diese Psychologie ist für ihn immer noch zurückgeblieben, in gewisser Weise seien Europäer hier also pessimistisch. Für Amerikaner ist ihr „American Dream“ quasi romantische Ironie: Der Grenzgang zwischen Realität und der Unendlichkeit der Chance, die sich einem bietet.

David Guterson ist ein Autor, der auf seinen Touren und Reisen nicht nur daran interessiert ist, Bücher zu verkaufen oder Werbung zu betreiben. Er möchte die Leute kennenlernen, mit ihnen reden und die Menschen hautnah erleben. Dabei sucht er den kulturellen Austausch und zeigt sich vor allem an Lebensweisen oder gesellschaftlichen Themen interessiert. – Auch wenn es sich nicht verstecken lässt, dass er teilweise auf angesprochene Probleme mit amerikanischen Lösungen antwortet, war es eine großartige Erfahrung sich auszutauschen und einmal die Möglichkeit zu haben direkt mit Leuten zu reden ohne den Rahmen eines Vortrags einhalten zu müssen.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller