Von Helden und Schülern

Stellen Sie sich einmal vor, verehrter Leser, Sie befinden sich auf der Vorstellung eines Theaterstücks einer 7. Klasse mit dem Titel “Helden”, das mittelalterliche Stoffe zu Rittern und Burgfräulein aufgreift. Was erwarten Sie? Sich in Not befindliche Prinzessinnen, starke, mutige Ritter in glänzenden Rüstungen mit großen Schwertern, die gewaltige Drachen erlegen und Königreicher erobern? Vielleicht der Versuch eines ambitionierten Theaterlehrers eine Reflexion auf das beschwerliche Leben damals einzuweben und die Mär vom “dunklen Mittelalter” zu beenden?

Parzival
Herzeloyde und Parzival im Wald von Soltane.

Dann sind Sie in die Falle getappt, denn nichts davon erwartet Sie. Schwerter? Holzstöcke tun es auch. Rüstungen? Weiße T-Shirts und Jeans, wenn nicht gar ein Schattenspiel. Das Stück beginnt schon gar nicht fröhlich, sondern sehr düster und bedrückt mit dem Anfang des Stücks “Light of the Seven”, das Ramin Djawadi für eine der besten Szenen der Fernsehserie Game of Thrones geschrieben hat. Es leitet die Klage der Witwen und verlassenen Frauen der Ritter ein. Es beginnt also mit dem Ende vieler Rittergeschichten, stellt die Frage nach dem “danach”? Was kommt nach der Rettung des Fräuleins, dem Töten des Drachen oder der Vollendung der Heldentat? Doch sachte: man will uns nun erstmal an der Hand nehmen und durch das Universum der Rittersagen führen.

“Mama, was ist ein Ritter?”

In der Person der Mutter Parzivals wird uns naiv erläutert, was ein guter Ritter zu tun hat: er ist ein Vorbild, höflich, zuvorkommend. Wir erleben im darauffolgenden Schattenspiel, wie ein Ritter ernannt wird, kämpft und siegt, um Frauen wirbt, Burgherr wird, heiratet, Vater wird und Abschied nimmt. Das ganze Stück ist um die Geschichte Parzivals aufgebaut. Der junge Parzival wächst von seiner Mutter abgeschirmt ohne Kontakt zur Außenwelt auf. Erst an Gurnemanz Hof erlernt Parzival die Tugenden des Rittertums und es wird ihm eingeschärft, keine unnötigen Fragen zu stellen. Im Stück wurden diese Regeln mit dem Alltag der Schüler verwoben dargestellt (“Darf ich aufs Klo?”, “Können Sie meinen Kaugummi wegwerfen?” etc.).

Nach einem kleinen Ausflug in die König Artus’ Geschichte, erfährt der Zuschauer die Geschichten  weiterer Ritter. Unter anderem die von Erec, der zuerst sich kaum von seiner Frau losreißen kann und dann – getadelt durch die Artusritter, er solle doch seinen Pflichten nachkommen – seiner Frau Enite das Sprechen verbietet. Als sie dennoch spricht, um ihn vor einer Bande Räuber zu retten, behandelt er sie fortan wie eine Untergebene. Nur als er beinahe nach einem Kampf stirbt und Enite sich das Leben nehmen will, erkennt er die rechte Balance zwischen Zuneigung und Herrschaft.

Wir erfahren auch einen Ausschnitt der Geschichte Iweins und Laudines. Iwein, der nach der Eroberung Laudines sein Leben lang einen Brunnen beschützen muss, wird es langweilig und es zieht ihn in die Welt hinaus. Seine Ehefrau Laudine gibt ihm dafür genau ein Jahr und einen Tag – braucht er länger, verliert er seine Stellung und Laudine. Er überzieht die Frist um sechs Wochen, sie ist darüber ungehalten und wütet auf der Bühne wie eine Furie. In der Folge wird er deswegen von der Artusrunde ausgeschlossen. Ausgegrenzt und wahnsinnig geworden sagt er: “Ihr wisst doch, wer ich bin!”.

Auf eine wunderbare und komische Art ist auch das repetitive Element in klischeehaften Ritter-Sagen, wie wir sie erwarten würden, dargestellt. Ein paar Schüler stellen sich in einer Kette auf und wiederholen den Kampf, das Werben um ein Fräulein und die Heirat immer wieder, bis alle durcheinander sprechen.

Im Alltag: Lehensleute und Lateinstunden

Im Anschluss daran gibt es eine der großartigsten Szenen des Stücks, weil sie einem das Leben eines Ritters klarmacht und gleichzeitig den Vergleich zum Alltag der Schüler sucht: es wird eine Lateinstunde mit dem gewöhnlichen Tag eines Ritters verglichen. Abgesehen von den Abenteuern hat ein Ritter ebenso Pflichten. Er muss für seine Lehensleute sorgen, ihnen Briefe schreiben, während die Schüler Hausaufgaben erledigen und lernen. Das Monotone am gewöhnlichen Schulalltag und einer Stunde wie jeder anderen wird anhand eines Ausschnitts aus Büchners Drama “Leonce und Lena” paraphrasiert: der Lateinlehrer lehrt die Schüler vor den Augen des Direktors den Ausruf “Vivat”. Dafür spricht er “Vi”, die Schüler ihm nach und dann “vat” und wieder die Schüler. Dann alle: “Vi-vat”. Der Lateinlehrer: “Sie sehen, Herr Hautmann, wie die Intelligenz im Steigen ist.”

Nun sehen wir den Höhepunkt im Leben Parzivals: der Auftritt in der Gralsburg. Er wird begrüßt, man gibt ihm Speis und Trank, welche sich wie von Magie mittels des Grals nachfüllen und der Burgherr Anfortas spricht mit ihm. Parzival könnte Anfortas von seinem Leiden erlösen, sofern er ihn nach seinem Leiden befrägt. Parzival aber, der lernte keine unnötigen Fragen zu stellen, hält sich zurück und sagt nichts. Am nächsten Tage ist die Gralsburg wie ausgestorben und Parzival ist das Geschehen schleierhaft. Er sucht die Schuld für seinen Fehler bei Gott, der ihn hierhin führte und ihm nicht half.

Wer bin ich? Wer will ich sein?

Wir sehen also die Entwicklung Parzivals. Er ist zu Beginn stumpfe Projektion der naiven Ritterideale seiner Mutter und lernt später die wahren Tugenden eines Ritters kennen. Sein Tun ist zum Scheitern verurteilt, wie das Wirken aller hier auftretenden Ritter.

Erec schwankt zwischen Zuneigung und zwischen Pflichtgefühl. Er muss beinahe Sterben, um das rechte Maß zu erkennen. Iwein drängt es in die Welt, er vernachlässigt seine Frau und verletzt seine Pflichten, wodurch er alle Ehre und jedes Ansehen verliert. Auch er muss sich jenseits seines Ritterdaseins erst finden. Außerdem ist da Parzival, dessen gesamtes Leben eine Suche nach dem rechten Weg ist. Als Ritter der Artusrunde gewinnt er Ehre im Kampf und durch das Befolgen von Pflichten – diese Ehre verliert er nachdem er in der Gralsburg scheitert. Im Stück ist er ausgeschlossen aus dem Kreis der Artusritter, er darf nicht teilhaben an deren Gemeinschaft. Das Erringen von Ehre im Kampf steht diametral zum Verständnis eines Gralsritters – der Art von Ritter, die dem Artusritter in allem überlegen dargestellt wird. Der Gralsritter kämpft für die Nächstenliebe und für die Erhaltung einer Gesellschaft, die hierauf aufbaut. Parzival befolgt die Regeln für Ritter, dennoch kann er Anfortas so nicht retten, kann noch kein Gralsritter werden.

Aber wo liegt nun der Fehler Parzivals? Er sagt: “Ich habe alles getan, was man mir gesagt hat”. Wir  hören die anderen ihm zurufen: “Sei kein Ritter, Parzival. Sei der, der du wirklich bist!”. Parzival steckt in einer Identitätskrise. Der Schüler fragt: Wo passe ich rein, wo verorte ich mich selbst in der Gemeinschaft der Klasse und im Leben? Mit dieser Szene ist das Stück an sich beendet und es beginnen sich alle Darsteller auf der Bühne zu versammeln. Die Schüler skandieren “7d, für was stehen wir?” und zählen Eigenschaften auf.

Es ist erstaunlich, wie gut der Vergleich zwischen einem 7. Klässler, der sich kurz vor der Pubertät befindet und einem orientierungslosen, scheinbar unbesiegbar starken Ritter funktioniert. Für beide gibt es Regeln und Tugenden, die einem das Elternhaus lehrt und deren Missachtung Konsequenzen haben. Doch das allein kann es nicht sein, was jemand zu einem guten Menschen macht. Das sieht man im Scheitern all dieser großen Helden. Wie auch Parzival, so muss auch der 7. Klässler in der Pubertät aus seinem bisherigen Leben ausbrechen. Es ist kein Zufall, dass wir hier jeden Schüler in der Rolle eines mittelalterlichen Helden sehen (es verschwimmen zu Ende Darsteller und Figur). Für ihre Lehrer sind sie heranwachsende Helden, die ihren Weg finden werden: Wo verortet sie sich im Leben? Wie behandelt sie ihre Laudine oder Enite? Was tun sie für Anfortas? Zuletzt: Für was steht nun die 7d?

Die 7d steht für unterhaltsames, witziges, spannendes und am Ende ein Theater, das den Schülern etwas bedeutet. Das haben die Schüler an diesem Abend heldenhaft bewiesen.

 

„Helden“ wurde am 28.07.2016 unter der Leitung von Gritt Schwarz und Martin Nieroda von der Theaterklasse 7d des Carl-Orff-Gymnasiums während des Unterschleißheimer „Festivals“ aufgeführt.

Veröffentlicht von

Alexander Kammerer

Student, Blogger, Leser. Bloc Party und Bob Dylan Enthusiast. Motto/Ästhetik: "Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung" - Friedrich Schiller